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Rögglas schwierige Gratwanderung

Mit ihrem Stück #die beteiligten# setzt die österreichische Theaterautorin Kathrin Röggla ihre Kritik am Umgang der Medien mit Katastrophen fort.

Was ist das für ein Land, wo die Berge und Seen als Idyllen erstrahlen, während in den Kellern Kinder eingesperrt und gequält werden? Welche Klischees setzen sich fort? Und: Lassen sich diese tatsächlich lokalisieren?

Die in Berlin lebende österreichische Autorin Kathrin Röggla hat wieder ein Stück geschrieben, in dem sie den Populardiskurs zu aktuellen Katastrophen zum Thema macht. Und hat damit Erfolg: Für #worst case#, ein Stück zur Finanzkrise, wird ihr am 8. November der Nestroy-Autorenpreis verliehen, in #draußen tobt die dunkelziffer# geht es um den Umgang mit dem Thema Verschuldung, in #junk space# um soziale Phobien und wie man diese #zur Sprache bringt#.

Am Akademietheater sind nun #die beteiligten# zu sehen, worin Röggla ihre Kritik am Umgang der Medien mit Katastrophen und Krisen fortsetzt. Röggla erzählt von der Sensationsgier der Medien an den Fällen Josef Fritzl und Natascha Kampusch, wofür Regisseur Stefan Bachmann im Märchen #Rotkäppchen# eine Art Parabel findet. Der Täter wird im Gleichnis des alles verschlingenden, sadistischen Wolfs dargestellt, der den Hals nicht voll genug kriegen kann. Röggla, die ihre Texte stets in der indirekten Rede, also im Konjunktiv, verfasst, hat eine Art Hypertextverfahren angewendet; sie zitiert und lässt zitieren und bezieht dabei als Autorin genauso wenig Position wie ihre Figuren.

Diese sprechen nicht als Subjekt, als eigenständiges #Ich#, sondern plappern manisch nach, was gesagt wird. #Es heiße, man solle, da müsse man doch ## Da gibt es nur #quasifreunde, möchtegern-journalisten, pseudopsychologinnen, irgendwie-nachbarinnen, optimale 14-jährige und gefallene nachwuchstalente#. Bei Röggla wird jede und jeder denunziert, die sensationsgierige Haltung gegenüber den Opfern decouvriert, doch verwendet auch sie das #Material# wirklicher Katastrophengeschichten als Vorlage für den eigenen literarischen Gewinn.

Zwischen Gewalt und Sadismus

Natascha Kampusch gibt es auch bei ihr nie als Subjekt, sondern wird als Projektionsfläche herangezogen, die als Person hinter dem Objektbild verschwindet, das #man# sich von ihr und ihrer Zeit der Gefangenschaft macht. Stefan Bachmann hat dafür starke Bilder und Vorgänge gefunden: Interview-Situationen werden gestellt, phasenweise sind alle Darsteller in der Rolle Kampuschs auf der Bühne; in Jeans, mit fliederfarbener Bluse und Kopftuch, das die blonden Haare zusammenhält, werden aus Barbara Petritsch, Jörg Ratjen, Alexandra Henkel, Katharina Schmalenberg und Peter Knaack Abziehbilder einer Vorstellung, während Simon Kirsch als Falco dessen passenden Hit #Jeannie# Karaoke singt. Der Blick wendet sich damit gleich wieder ab vom Opfer und hin zur Pathologie des Täters.

Diesen inszeniert Bachmann als SS-Mann (Simon Kirsch), der vor einem Video-Ausschnitt aus #Sound of Music# steppt und die mediale Wahrnehmung Österreichs als Land der Vergewaltigungsmonster (Josef Fritzl, der ebenso wenig wie Kampusch namentlich erwähnt wird, aber unverkennbar ist) szenisch thematisiert. Bachmanns klare Bildersprache geht hart an die Grenze des Geschmacklosen und wirkt auch etwas platt.

Und genau in dieser Gratwanderung liegt die größte Schwierigkeit sowohl des Stücks als auch der Inszenierung: Gewalt und Sadismus werden ungewollt ästhetisiert, weil eine reflektierende Instanz fehlt. Da gibt es keine Autorin, und auch nicht immer den Regisseur, der ironisch beleuchtet, wie die Missbrauchsgeschichten medial ausgeschlachtet werden. Etwa wenn Jörg Ratjen als Täter/Wolf erzählt, was er Kampusch/Rotkäppchen für entsetzliche Qualen zugefügt hat. Dann ist seine Silhouette hinter dem Vorhang eines Fensterausschnitts zu sehen, die Stimme ist verzerrt. Die Gier nach der Erzählung der Gräueltaten bleibt jedoch ungebrochen.

Die Röggla#schen Beteiligten tun aber nur so, als ließen sie sich hautnah auf etwas ein, daher treten sie auch nur scheinbar nackt auf und tragen hautfarbene Nacktheitskostüme, um durch Demonstrieren zu vertuschen, was tatsächlich ist.

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