Digital In Arbeit
Feuilleton

Später Fund

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Montaignes Reisetagebuch lag 178 Jahre in einer Truhe.Es wurde vielen zum Ärgernis.

In seinen berühmten "Essais" weckte Michel de Montaigne den Eindruck, sein Innerstes rückhaltlos preiszugeben. Im "Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580 bis 1581" tat er dies wirklich. In den "Essais" gab er sich preis und hielt sich doch bedeckt. Im Reisetagebuch lernen wir ihn besser kennen. Es ist das Protokoll eines intensiven Beobachters und Selbstbeobachters.

Kunstvoll baute Montaigne im Essay "Über die Gewohnheit und dass man ein überkommenes Gesetz nicht leichtfertig ändern sollte" mit Berichten über fremde Völker, die Spinnen als Delikatesse mästen, sich Goldstangen durch Brüste und Gesäßbacken stecken oder die Asche der Toten ihrem Wein beimischen und mit ihren Bräuchen zufrieden sind, beim Leser die Überzeugung auf, nun könne nichts anderes folgen als die Schlussfolgerung, dass es allemal besser sei, an einer gegebenen Übereinkunft, wie absurd auch immer sie sei, festzuhalten, als sich im Streit um die einzig richtige die Schädel einzuschlagen. Doch dies auszusprechen, hätte im damaligen Frankreich unangenehme Folgen haben können. Da ließ Montaigne den Leser, nachdem er ihm den Glauben an absolute Wahrheiten gründlich vermiest und sacht an der Autorität der Kirche gerüttelt hatte, seine Schlüsse schon lieber selber ziehen.

Nichts von dieser Zurückhaltung, diesem Sich-Bedecken im Reisetagebuch. Es war wohl nur für ihn selbst bestimmt, jedenfalls wurde das zerfledderte Bündel Papier erst 178 Jahre nach seinem Tod in einer Truhe auf Schloss Montaigne entdeckt. Hier begegnet uns der unverhüllte, private Montaigne. Daher ist es so erfreulich, dass Hans Stilett seiner bahnbrechenden vollständigen Übersetzung der Essais, der ersten seit 200 Jahren, nun auch eine neue Übertragung dieses Werks folgen ließ. Auch wenn wir möglicherweise deswegen auf den längst angekündigten Kommentar-, Erläuterungs- und Quellenband zu den "Essais" noch warten müssen, was allerdings schade ist.

Michel de Montaignes Leben von 1533 bis 1592 wirkt wie zeitlich eingepasst zwischen Machiavelli und Erasmus von Rotterdam vor und Descartes nach ihm. Er war ein Denker im Anflug auf die Aufklärung, ein entsetzter, von den Gräueln seiner Zeit zutiefst angewiderter Humanist zwischen den Fronten, der uns nachvollziehen hilft, wie die Blutbäder der Gläubigen die Verabschiedung des Denkens vom Glauben beschleunigten. Das Jahr 1572, in dem er die "Essais" zu schreiben begann, war das Jahr des größten Massenmordes, der Bartholomäusnacht.

Das Reisetagebuch machte viele mehr oder weniger berühmte Leser ratlos. Es machte es den Bewunderern der "Essais" nicht leicht, deren Autor darin zu entdecken. Für die Aufklärer wurde der praktizierende Katholik und das ihm plötzlich von kirchlicher Seite gespendete posthume Lob zum Stein des Anstoßes, für die Ästheten die intensive Beschäftigung des an seinen Nierensteinen leidenden Autors mit seinen körperlichen Befindlichkeiten, den Einzelheiten seiner Bäder und seinen Ausscheidungen. Gerade diese Seite des Werks aber lässt Montaigne heute als Vorläufer der späteren großen Selbstbeobachter erscheinen. Zudem ist das bis zur Ankunft in Rom von einem geheimnisvollen Sekretär, später von Montaigne eigenhändig teils auf Französisch, teils auf Italienisch geführte Journal eine kulturgeschichtliche Fundgrube. Zuletzt hatte er es schon eilig, heimzukommen. Hans Stilett übersetzte das ansprechend illustrierte Werk in ein schönes, modernes, sich niemals vordrängendes Deutsch.

Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland Von Michel de Montaige

Übersetzt, herausgegeben und mit einem Essay versehen von Hans Stilett Eichborn Verlag, Frankfurt/M. 2002 432 Seiten, Ln., e 32,30

Montaignes Reisetagebuch lag 178 Jahre in einer Truhe.Es wurde vielen zum Ärgernis.

In seinen berühmten "Essais" weckte Michel de Montaigne den Eindruck, sein Innerstes rückhaltlos preiszugeben. Im "Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580 bis 1581" tat er dies wirklich. In den "Essais" gab er sich preis und hielt sich doch bedeckt. Im Reisetagebuch lernen wir ihn besser kennen. Es ist das Protokoll eines intensiven Beobachters und Selbstbeobachters.

Kunstvoll baute Montaigne im Essay "Über die Gewohnheit und dass man ein überkommenes Gesetz nicht leichtfertig ändern sollte" mit Berichten über fremde Völker, die Spinnen als Delikatesse mästen, sich Goldstangen durch Brüste und Gesäßbacken stecken oder die Asche der Toten ihrem Wein beimischen und mit ihren Bräuchen zufrieden sind, beim Leser die Überzeugung auf, nun könne nichts anderes folgen als die Schlussfolgerung, dass es allemal besser sei, an einer gegebenen Übereinkunft, wie absurd auch immer sie sei, festzuhalten, als sich im Streit um die einzig richtige die Schädel einzuschlagen. Doch dies auszusprechen, hätte im damaligen Frankreich unangenehme Folgen haben können. Da ließ Montaigne den Leser, nachdem er ihm den Glauben an absolute Wahrheiten gründlich vermiest und sacht an der Autorität der Kirche gerüttelt hatte, seine Schlüsse schon lieber selber ziehen.

Nichts von dieser Zurückhaltung, diesem Sich-Bedecken im Reisetagebuch. Es war wohl nur für ihn selbst bestimmt, jedenfalls wurde das zerfledderte Bündel Papier erst 178 Jahre nach seinem Tod in einer Truhe auf Schloss Montaigne entdeckt. Hier begegnet uns der unverhüllte, private Montaigne. Daher ist es so erfreulich, dass Hans Stilett seiner bahnbrechenden vollständigen Übersetzung der Essais, der ersten seit 200 Jahren, nun auch eine neue Übertragung dieses Werks folgen ließ. Auch wenn wir möglicherweise deswegen auf den längst angekündigten Kommentar-, Erläuterungs- und Quellenband zu den "Essais" noch warten müssen, was allerdings schade ist.

Michel de Montaignes Leben von 1533 bis 1592 wirkt wie zeitlich eingepasst zwischen Machiavelli und Erasmus von Rotterdam vor und Descartes nach ihm. Er war ein Denker im Anflug auf die Aufklärung, ein entsetzter, von den Gräueln seiner Zeit zutiefst angewiderter Humanist zwischen den Fronten, der uns nachvollziehen hilft, wie die Blutbäder der Gläubigen die Verabschiedung des Denkens vom Glauben beschleunigten. Das Jahr 1572, in dem er die "Essais" zu schreiben begann, war das Jahr des größten Massenmordes, der Bartholomäusnacht.

Das Reisetagebuch machte viele mehr oder weniger berühmte Leser ratlos. Es machte es den Bewunderern der "Essais" nicht leicht, deren Autor darin zu entdecken. Für die Aufklärer wurde der praktizierende Katholik und das ihm plötzlich von kirchlicher Seite gespendete posthume Lob zum Stein des Anstoßes, für die Ästheten die intensive Beschäftigung des an seinen Nierensteinen leidenden Autors mit seinen körperlichen Befindlichkeiten, den Einzelheiten seiner Bäder und seinen Ausscheidungen. Gerade diese Seite des Werks aber lässt Montaigne heute als Vorläufer der späteren großen Selbstbeobachter erscheinen. Zudem ist das bis zur Ankunft in Rom von einem geheimnisvollen Sekretär, später von Montaigne eigenhändig teils auf Französisch, teils auf Italienisch geführte Journal eine kulturgeschichtliche Fundgrube. Zuletzt hatte er es schon eilig, heimzukommen. Hans Stilett übersetzte das ansprechend illustrierte Werk in ein schönes, modernes, sich niemals vordrängendes Deutsch.

Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland Von Michel de Montaige

Übersetzt, herausgegeben und mit einem Essay versehen von Hans Stilett Eichborn Verlag, Frankfurt/M. 2002 432 Seiten, Ln., e 32,30