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Feuilleton

Und was passiert, wenn der Pecher geht?

1945 1960 1980 2000 2020

Eine lebendige und persönliche Ausstellung ist dem Essl Museum gelungen: Die Wiener Künstlerin Johanna Kandl zeigt anhand ihrer eigenen Biografie und der Geschichte der Malmittel die Auswirkungen des Kapitalismus auf das gesellschaftliche und soziale Leben.

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Eine lebendige und persönliche Ausstellung ist dem Essl Museum gelungen: Die Wiener Künstlerin Johanna Kandl zeigt anhand ihrer eigenen Biografie und der Geschichte der Malmittel die Auswirkungen des Kapitalismus auf das gesellschaftliche und soziale Leben.

In den Garten kommt eine junge Frau. Vor dem Biotop macht sie halt, sie legt die Kleider ab, schiebt das Schilf beiseite, steigt in den Teich, taucht unter. Als sie wieder auftaucht, ist sie im Garten ihrer Kindheit: ein Mädchen von etwa fünf Jahren, das mit seinem Bruder ausgelassen durch den Garten läuft. Die Mutter, im Unterkleid, spritzt die Kinder mit dem Gartenschlauch ab. Mit diesem Garten lässt die Videoinstallation "Brünner Straße 165" eine sehr persönliche Ausstellung im Essl Museum beginnen: "Johanna Kandl. Konkrete Kunst". In der Brünner Straße hatte die Familie Kandl ihr Farbengeschäft. Ein Bild davon, Tempera und Ölfarbe auf Leinwand, eröffnet die Ausstellung: "L &E Kandl - Material & Farbwaren", ein kleines Geschäft mit Auslage und Eingangstür, an der vielleicht ein Glockerl hängt, das eintretende Besucher ankündigt. Auf dem Bild sind kreisrunde Abdrücke von Farbdosen.

Mitdenken von Politischem und Sozialem

Das benachbarte Werk leitet vom Privaten ins Politische über: Das überdimensionale Logo von "Fritzelack" aus Nachkriegszeiten, auf dem ein gestolperter Lehrbub den Lack verschüttet, prangt auf sattem Orange, den Slogan hat Kandl gegen eine Floskel aus einem Management-Buch getauscht. Einen "Fritzelack reißen", erzählt Kandl mit Bleistift neben dem Bild, bedeutete umgangssprachlich "hinfallen". Das Geschäft der Eltern, so Kandl, habe dann auch "einen Fritzelack gerissen". Dass Kandl just im Museum von bauMax-Gründer Essl ausstellt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, und Kandl lässt das, mit einem Augenzwinkern, nicht unkommentiert: "In den späten 60ern und frühen 70ern wurden (...) die Baumärkte zu einer übermächtigen Konkurrenz, die altmodische und unzeitgemäße Geschäfte - wie das unsere -zunehmend unmöglich machte. (...) Mein Verhältnis zum Baumarktbesitzer Essl ist also nicht ungetrübt. (...) 1997 kauft das Ehepaar Essl von mir ein Dutzend Bilder. Danach gehe ich in den Baumarkt und kaufe eine Holzplatte", schreibt Kandl im Begleittext zum "Fritzelack".

Es ist jedoch nicht nur die Kindheit, in die Johanna Kandl zu Beginn der Ausstellung, eintaucht, es ist nicht nur der Versuch, Trauma und Verlust beim Namen zu nennen. Das sterbende Geschäft der Eltern ist Symbol für eine beginnende Globalisierung der Märkte, deren Auswirkung auf gesellschaftliches und soziales Leben rückt ins Zentrum des Werks der Künstlerin.

Diese Geschichten will sie erzählen. Von den Frauen im Sudan, die in der Gummi-Herstellung arbeiten. Vom Rundgang des Pechers - einst gut bezahlter Handwerker - durch den Wald. Von Geruch und Konsistenz des Harzes, das er erntete. Vom Terpentin, das man daraus herstellte, von der Ölfarbe, die man damit mischte. Was passiert aber, wenn der Pecher geht? Wenn die Harzgewinnung verschwindet? Welche Bedeutung hat das für die Wirtschaft, für eine Gesellschaft - und nicht zuletzt für die Malerei?

Poesie der Materialien

Johanna Kandl ist eine großartige Erzählerin. Im Essl Museum verwebt sie ihre Biografie mit jener der Malmittel, holt Perlleim, Terpentin, Mastix, Leinöl und Gummi Arabicum auf die Bühne, die Leinwand. Ein jedes erhält seinen Platz, an den Wänden auf ästhetisch gestalteten Schautafeln wird seine Gewinnung, seine Geschichte beschrieben. Auf einem Tapezierertisch dokumentieren mit Harz gefüllte Blumentöpfe, Pockerl, Rindenstücke, Kolophonium und Landkarten eine versinkende Kulturgeschichte der Malmittel - versehen mit auf den Tisch gekritzelten Geschichten und Anekdoten.

Stets vor Augen hat man beim Rundgang die große Wand am Ende der Ausstellung, auf der viele Bilder auf einmal hängen. Sie laden ein, näher zu kommen, Details zu entdecken und kontroverse Beschriftungen zu entschlüsseln. Ungleichgewicht und Verletzlichkeit von privaten und ökonomischen Systemen zeigen sie. Die Geschichten und ihre Poesie dahinter legen sie offen.

Was passiert, wenn der Pecher geht? Johanna Kandl hat seine Spuren bewahrt. Und sie lädt ein, in diese Geschichte einzutauchen. Diese Einladung sollte man nicht ausschlagen.

Johanna Kandl. Konkrete Kunst

bis 21. Februar, Essl Museum

Di-So 10-18 Uhr, Mi bis 21 Uhr

www.essl.museum