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Vom Untergang der humanen Welt

Bei den Wiener Festwochen hat Martin Kusej drei Stücke von Miroslav Krleza zu einem monströsen Panorama des 20. Jahrhunderts kompiliert.

Der erste Teil dieser Trilogie erzählt die Familiensaga einer Zagreber Bankiersdynastie. In einem ganz in dunklem Rot gehaltenen, durch Sofas, Fauteuils und Tischchen zugestellten Salon treffen einander am 2. August 1914 die Angehörigen der weitverzweigten Glembays. Aber sie kommen nicht zusammen. Die Wege zueinander sind buchstäblich verstellt. Leo, der Kunstmaler und ungeliebte Sohn des Familienpatriarchen, ist nach Jahren zurückgekommen und bohrt in der verdrängten Vergangenheit.

Der Betrogene als Betrüger

Es geht vor allem um den Selbstmord der Mutter. Als der Patriarch von der notorischen Untreue seiner zweiten Frau Charlotte erfährt - möglicherweise der Auslöser für den Selbstmord von Leos Mutter - erleidet der Alte einen tödlichen Herzanfall. Charlotte muss noch am Totenbett erkennen, dass auch der Betrogene ein Betrüger war. Nicht nur die Familie ist pleite, er hat auch sie um ihr Vermögen genarrt. Als Leo sie aus dem Haus weist, kommt es zur finalen Auseinandersetzung. Da stürzt der Hausjurist herein und verkündet freudig: "Krieg, das ist es, was wir brauchen!“

Der zweite Teil handelt vom unaufhaltsamen moralischen und menschlichen Ruin. Der mit "Galizien“ überschriebene düstere Teil spielt 1916 an der Ostfront. In einer von Kinderleichen übersäten Schule hat ein versprengter Haufen der k.u.k.-Armee Quartier bezogen. Die vermeintlichen Stützen der Gesellschaft sind zu einer marodierenden Clique geworden. Nur der Soldat Horvath versucht inmitten der jeglicher Humanität Entfremdeten Nein zu sagen. Er wird ins Offizierskasino bestellt, weit im Hinterland, um der bis zur Besinnungslosigkeit besoffenen Offiziersgesellschaft Rachmaninow vorzuspielen. Als er das Spiel in die Atonalität treibt, die einzige Möglichkeit mit der Kunst Nein zu sagen, kommt es zu einer grotesken Schießerei, der alle zum Opfer fallen.

Die dritte, für den ganzen Abend titelgebende Episode "In Agonie“ spielt im April 1922 und handelt davon, wie das Vergangene nicht vergehen will und die Traumata des Krieges auf den Alltag der Menschen in einer von allen Grundwerten gereinigten Gesellschaft durchschlagen.

Gleißend weiße Leere

Laura, eine moderne, arbeitende Frau, ist mit Lenbach verheiratet. Der ehemalige Offizier hat seinen Platz in der neuen Weltordnung nicht gefunden. Er lässt sich von seiner Frau aushalten, trinkt viel, spielt und droht regelmäßig mit Selbstmord. Als ihm der schließlich gelingt, wäre der Weg frei für Laura und den Rechtsanwalt Krizovec. Aber der um kein Argument je verlegene Advokat erweist sich als scheinheilige, empathielose Figur mit geheimem Doppelleben. Er verfolgt einzig und mit sachlichem Verstand seine Karriere zum Justizminister. Mit kaltem Kalkül verspricht er dem den Selbstmord von Lenbach untersuchenden Inspektor die Leitung seines Ministeriums, wenn dieser nur im rechten Moment zu schweigen wisse. Die sich getäuscht und verraten fühlende Laura begeht Selbstmord.

Dieses in einem gleißend weißen, völlig leeren Raum spielende Kammerspiel, wo die Blicke und Worte ins Leere gehen, wirkt ungemein zeitgenössisch. Kusej und sein großartiges Ensemble vom Münchner Residenztheater spielen jenen Krieg ohne Schlacht, den Krieg der Geschlechter in einer entzivilisierten Zivilisation. "In Agonie“ handelt vom unbegriffenen sozialen Beben der Indifferenz, gepaart mit einer kalten Müdigkeit und dem Mangel sich den Anderen vorzustellen, das uns heute so gegenwärtig vorkommt.

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