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Zum Springen und Fliegen abgehoben

Sie bieten ihren Fans eine exzellente Show. Und doch geht es für die "Superadler“ um viel mehr als weite Sprünge, Hochspannung und das Spiel mit Emotionen. Disziplin, Zielsetzung, Kritik- und Korrekturfähigkeit sind die Basis ihrer Erfolge.

Die Masse jubelt, der Platzsprecher heizt die Stimmung an, Tausende rot-weiß-rote Fahnen bringen Bewegung in den Zuschauerbereich. Es ist ein Bild, das den österreichischen Fernsehzuschauern fast zur Gewohnheit geworden ist, denn die Erfolgsgeschichte der österreichischen Skispringer scheint jedes Jahr einen neuen Höhepunkt zu erreichen. Aber welche Entwicklung liegt zwischen den schlanken Athleten, die im körperlichen und mentalen Bereich bis an ihre Grenzen gehen, und den Anfängen des Skispringens?

Den ersten Skisprungwettbewerb auf österreichischem Boden entschied 1893 ein norwegischer Bäckerlehrling für sich: Bismarck Samson sprang auf einem verschneiten Misthaufen in Mürzzuschlag ganze sechs Meter. Die Norweger galten damals schon als Vorbilder und Konkurrenten. Skispringen ist heute fast ausschließlich eine Männerdomäne. In den Anfangsjahren war es bei den Frauen gleichermaßen beliebt. So verblüffte 1911 auf der Schattbergschanze in Kitzbühel die Reichsgräfin Paula von Lamberg ihre männlichen Mitbewerber mit Weiten bis zu 28 Metern. Der erste "Superadler“ Österreichs war allerdings ein Mann.

Der in Mühlbach am Hochkönig aufgewachsene Sepp "Bubi“ Bradl stand 1936 in Planica den ersten Sprung über 100 Meter und errang 1939 in Zakopane den Weltmeistertitel. Sepp Bradl musste als Zwölfjähriger mit ansehen, wie sein Vater von einer Lawine getötet wurde. In diesem hervorragend recherchierten Buch wird seine Vorbereitung auf den Wettkampftag geschildert: Über fünf Stunden lang wachselt er seine "Latten“, die er dann neben sein Bett stellt, damit niemand die Laufflächen berühren kann. Dann versucht er zu schlafen. "Schlafen konnte ich nicht, zu viele Gedanken waren in meinem Kopf … Jetzt sah ich sie ganz deutlich vor mir, die Gesichter der Norweger … Lachend grinsten sie mich an, als wollten sie sagen: ‚Du willst uns schlagen?‘“

Von Bubi Bradl bis Baldur Preiml

Einen Meilenstein auf dem Weg Österreichs zur Skisprungnation stellte zweifellos der Kärntner Baldur Preiml als Trainer dar. Mit ihm hielt die Psychologie Einzug in den Sport. Preiml war ein Visionär mit unglaublichem Innovationsgeist, der es zuwege brachte, aus jedem Springer sein volles körperliches und mentales Potenzial wachzurufen. Viel Aufmerksamkeit widmete Baldur Preiml der richtigen Ernährung seiner Schützlinge.

Armin Kogler in einem Interview 2010: "Wer glaubt, nur leicht zu sein genügt, um weit zu springen, hat auf das falsche Pferd gesetzt. Die Saison dauert sehr lange und da braucht es einen gewissen Energiehaushalt. Es gibt wenige Sportarten, wo so auf die Ernährung geachtet wird wie bei den Springern. Ich erinnere nur an die Disqualifikation von Andi Goldberger, der nach einer Konkurrenz um 100 g zu leicht war.“

Die österreichischen "Superadler“ wären wohl nie flügge geworden, wenn es nach Baldur Preiml nicht wieder herausragende Trainerpersönlichkeiten gegeben hätte.

Toni Innauer war als Sportler ein Vorbild, als Psychologe ein Freund der Athleten und als Sportdirektor eine Instanz. Es gibt wohl keinen aktiven Skispringer, der von Innauer nicht geprägt worden wäre. Die Aussage von Toni Innauer zur Qualität von Gregor Schlierenzauer zeigt, mit welchem Einfühlungsvermögen die jungen Adler von ihren Betreuern begleitet werden. "Gregor war froh, Anregungen für Details an seinem Sprung zu bekommen, und merkte staunend, wie sich schon winzige Verbesserungen auf das Ergebnis auswirkten. Sein großes Talent bestand darin, vorhandene Kräfte ausnützen zu können. Er legte intuitiv Wert auf eine blitzsaubere Technik, und er überzog selten, was er schon konnte, weil er nicht auf seinen Ehrgeiz hineinfiel. Gregor war für uns Trainer ein Medium.“

Das von Johannes Sachslehner und ORF-Sportkommentator Michael Roscher herausgegebene Buch zeichnet ein packendes Bild dieser außergewöhnlichen Sportart. Neben Porträts der Sportler vermitteln viele exzellente Fotos eine unmittelbare Nähe zum "Springerzirkus“.

Die Superadler

Hrsg. von Johannes Sachslehner und Michael Roscher

Pichler Verlag 2010

192 Seiten, geb., e 24,95

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