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Wo der Sport Geschichte schrieb

Der Historiker Johannes Sachslehner widmet sich den großen Themen der rot-weiß-roten Sportgeschichte. Er erzählt von Momenten des Triumphs und berichtet von Orten und Ereignissen, die verbunden sind mit Trauer, Entsetzen, Betroffenheit und Wut.

"Spricht man vom Sport in Österreich, so gilt es vielfach als schick, das Image von den rot-weiß-roten Verlierern zu pflegen, den ‚Abstieg‘ von einstiger Größe zu bejammern. Die machtvollen Mythen der Sport-Vergangenheit erdrücken dann meist die scheinbar so armselige Gegenwart. So hat man etwa für das zum Prügelknaben herabgesunkene Fußball-Nationalteam nur mehr ein mitleidiges Lächeln über, beklagt sich über das Verschwinden der Leichtathletik und die praktische Nicht-Existenz klassischer Sportarten wie Boxen oder Gewichtheben, verschweigt, dass Österreichs Skispringer seit Jahren die Szene dominieren, dass in Sportarten, in denen sie früher bestenfalls nur "Mitläufer“ waren, österreichische Athleten zur Weltspitze aufgeschlossen haben.“

Der Autor dieses prachtvollen Buches bricht eine Lanze für all jene Sportler, die tagtäglich hart trainieren, ihre Freizeit und vielfach ihre sozialen Kontakte opfern, um in ihrer Disziplin Erfolg zu haben und dem Publikum jene Show bieten zu können, die es von ihnen erwartet.

Auf über 300 Seiten zeigt Johannes Sachslehner Beispiele für die identitätsbildende Funktion des Sports in Österreich. Sportliche Heldentaten seien mit dem Schauplatz ihres Triumphes oder ihres Scheiterns als Wegmarken im Gedächtnis der "Sportnation“ verankert. Als Paradebeispiel für diese Verbindung von sportlicher Leistung und nationalem Stolz gilt der Fußball. Anfangs als "unfeines“, proletarisches Vergnügen misstrauisch betrachtet, eroberte das Spiel elf gegen elf noch in der Monarchie rasch die Herzen breiter Gesellschaftskreise und erwies sich immer wieder als "die passende Droge für ein brach liegendes Nationalgefühl“. Nach den sagenumwobenen Erfolgen des "Wunderteams“ führte Österreich 1932 sogar die Weltrangliste an. Für einen Staat, der unter einer schweren Wirtschaftskrise litt und den politisch keiner wollte, bedeutete dies psychologisch sehr viel. War es in den 1930er Jahren das übermächtige England, so wurde 1978 in Cordoba Deutschland Opfer der österreichischen Nationalelf.

Der Name der argentinischen Stadt erinnert an einen Triumph, der heute noch immer so bekannt ist, dass er ganze Kabarettprogramme trägt.

Zwischen Identität und Brutalität

Für Bangen und Erlösung steht seit 1998 der japanische Wintersportort Nagano. Der Autor schildert die Ursachen und den genauen Hergang des "Abfluges“ von Hermann Maier von der Abfahrtspiste und bietet dem Leser auch ein Gedankenprotokoll des Ausnahmesportlers vom Abheben bis zum ersten Lebenszeichen, das für Millionen Zuseher vor den Fernsehapparaten einer Auferstehung gleichkam.

Die Brutalität des Sports zeigt sich nicht nur in hohen Geschwindigkeiten und Aufsehen erregenden Stürzen. Im Fall von Niki Laudas Feuerunfall am Nürburgring geht es um eine andere Facette von Brutalität. Schon 1970 weigerten sich die Formel-1-Stars, am Ring in der Eifel zu fahren. Auch der österreichische Weltmeister Niki Lauda wies mehrmals darauf hin, wie gefährlich die Strecke sei: "Wenn du am Nürburgring einen Schaden am Auto hast, hast du 100 Prozent Chancen auf den Tod.“ Prompt wurde er beschimpft und ausgepfiffen. Fritz Huschke von Hanstein, der Präsident des Veranstalters, warf ihm vor, der Sprecher eines kleinen Kreises von "Schreihälsen“ zu sein und eine "k.u.k. österreichisch-ungarische Hofpresse im Rücken zu haben“. Wie unbeliebt sich Lauda bei Veranstaltern und Publikum gemacht hatte, zeigte sich unmittelbar nach seinem Unfall: "Der Hass auf Lauda ist so groß, dass manche Zuschauer auf die Nachricht von seinem schweren Unfall hin ‚vor Freude‘ johlen und schreien; selbst Huschke von Hanstein ist sich nicht zu blöd, einen Rundfunkjournalisten einfach zu belügen - Lauda, so meint er, würde es gut gehen, er flirte bereits wieder mit den Krankenschwestern.“ Tatsächlich war der Weltmeister zu diesem Zeitpunkt ins Koma gefallen und hatte die Letzte Ölung bekommen.

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