Geisterspiel - © Foto: APA / AP Pool / Martin Meissner
Gesellschaft

Geisterspuk und Geldgier

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz Todesstille auf der Zuschauertribüne wurde den Bundesligen wieder Leben eingehaucht. Ein Widerspruch ist das nicht. Fans sind schon lange nur noch Randfiguren im Milliardengeschäft Fußball.

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz Todesstille auf der Zuschauertribüne wurde den Bundesligen wieder Leben eingehaucht. Ein Widerspruch ist das nicht. Fans sind schon lange nur noch Randfiguren im Milliardengeschäft Fußball.

Der Patient Fußball liegt auf der Intensivstation. Die Coronakrise hat ihm zugesetzt. Seine Atmung ist flach, sein Herz schlägt noch. Aber er ist gut versorgt. Seine Retter kämpfen mit allen Mitteln für seine Genesung. Die Wundermedikation: Geisterspiele. Sie sollen dem Volkssport Nummer eins wieder Leben einhauchen. Seit Anfang Juni dürfen sich Österreichs Bundesligaprofis unter Ausschluss der Öffentlichkeit wieder den Ball in den Stadien hin und her schieben, begleitet werden sie nicht von Fans, sondern nur von TV-Kameras. Ob das Spiel bei Totenstille zum Lebensretter oder doch zum Totengräber der oft zitierten schönsten Nebensache der Welt wird? Darüber scheiden sich die Geister.

Singende, jubelnde, feiernde Fans sind längst nicht mehr die Hauptakteure des Fußballs. Nicht einmal mehr Nebendarsteller. Die Krise dürfte auch dem letzten Fußballromantiker klargemacht haben, dass sich der Fußball zu einem Kapitalträger und Wirtschaftssektor entwickelt hat. Selbst der Ball als Spielgerät hat dabei materialtechnisch gesehen seine Seele längst verloren. Um den Rubel und den Ball am Rollen zu erhalten, spukt der Geist seit Juni durch die Stadien. Wirtschaftlich gesehen, ist das kein Verlust. 32 Millionen blättert die TV-Anstalt Sky in Österreich jährlich hin, um 22 Männer und einen Ball mit Kameras verfolgen zu dürfen. In Deutschland sprengen die Gelder von Privatsendern bereits die Milliardengrenze. Gefühle wie überschwängliche Freude über ein Tor, Ärger über eine rote Karte oder grenzenloses Staunen über die neueste Finte der Profis haben im neuen Konzept Fußball, zumindest in der Coronakrise, keinen Platz.

Kritik an Corona-Privilegien für die Liga

Steril und surreal wie in einem Computerspiel werden die Fußballer also folglich ihrem Geschäft nachgehen. Selbst treue Fans sehen in der Fortsetzung unter deren Ausschluss keinen Gewinn. Laut einer Studie des Instituts Infratest dimap für den ARD-„Deutschlandtrend“ lehnt jeder zweite Deutsche den Wiederanpfiff der Bundesliga ab, gar nur 36 Prozent sprechen sich für eine Fortsetzung der Liga im sonst so fußballverrückten Deutschland aus. Weitere Kritik aus dem Land des viermaligen Fußballweltmeisters kommt von Ethikrat-Mitglied Steffen Augsberg. „Geisterspiele gaukeln nicht einmal Normalität vor, sondern verdeutlichen vor allem, wie unnormal die Zustände sind. So gern wir ihn haben: Der Fußball wird an dieser Stelle doch sehr gehätschelt“, kritisiert Augsberg das dem Fußball zugemessene Privilegium.

Der Patient Fußball liegt auf der Intensivstation. Die Coronakrise hat ihm zugesetzt. Seine Atmung ist flach, sein Herz schlägt noch. Aber er ist gut versorgt. Seine Retter kämpfen mit allen Mitteln für seine Genesung. Die Wundermedikation: Geisterspiele. Sie sollen dem Volkssport Nummer eins wieder Leben einhauchen. Seit Anfang Juni dürfen sich Österreichs Bundesligaprofis unter Ausschluss der Öffentlichkeit wieder den Ball in den Stadien hin und her schieben, begleitet werden sie nicht von Fans, sondern nur von TV-Kameras. Ob das Spiel bei Totenstille zum Lebensretter oder doch zum Totengräber der oft zitierten schönsten Nebensache der Welt wird? Darüber scheiden sich die Geister.

Singende, jubelnde, feiernde Fans sind längst nicht mehr die Hauptakteure des Fußballs. Nicht einmal mehr Nebendarsteller. Die Krise dürfte auch dem letzten Fußballromantiker klargemacht haben, dass sich der Fußball zu einem Kapitalträger und Wirtschaftssektor entwickelt hat. Selbst der Ball als Spielgerät hat dabei materialtechnisch gesehen seine Seele längst verloren. Um den Rubel und den Ball am Rollen zu erhalten, spukt der Geist seit Juni durch die Stadien. Wirtschaftlich gesehen, ist das kein Verlust. 32 Millionen blättert die TV-Anstalt Sky in Österreich jährlich hin, um 22 Männer und einen Ball mit Kameras verfolgen zu dürfen. In Deutschland sprengen die Gelder von Privatsendern bereits die Milliardengrenze. Gefühle wie überschwängliche Freude über ein Tor, Ärger über eine rote Karte oder grenzenloses Staunen über die neueste Finte der Profis haben im neuen Konzept Fußball, zumindest in der Coronakrise, keinen Platz.

Kritik an Corona-Privilegien für die Liga

Steril und surreal wie in einem Computerspiel werden die Fußballer also folglich ihrem Geschäft nachgehen. Selbst treue Fans sehen in der Fortsetzung unter deren Ausschluss keinen Gewinn. Laut einer Studie des Instituts Infratest dimap für den ARD-„Deutschlandtrend“ lehnt jeder zweite Deutsche den Wiederanpfiff der Bundesliga ab, gar nur 36 Prozent sprechen sich für eine Fortsetzung der Liga im sonst so fußballverrückten Deutschland aus. Weitere Kritik aus dem Land des viermaligen Fußballweltmeisters kommt von Ethikrat-Mitglied Steffen Augsberg. „Geisterspiele gaukeln nicht einmal Normalität vor, sondern verdeutlichen vor allem, wie unnormal die Zustände sind. So gern wir ihn haben: Der Fußball wird an dieser Stelle doch sehr gehätschelt“, kritisiert Augsberg das dem Fußball zugemessene Privilegium.

Die Krise dürfte auch dem letzten Ballromantiker klargemacht haben, dass sich der Fußball zum Kapitalträger entwickelt hat.

Auch in Österreich sehen treue Fans dem neuen Konzept kritisch entgegen. Der 22-jährige Martin Lenger, selbsterklärter Fußballromantiker und treuer Anhänger von SK Sturm Graz, sieht durch Geisterspiele den wahren Charakter des Fußballs verloren. „Das Schöne am Fußball ist die Gemeinschaft mit anderen, die mit dir in der Kurve stehen und die Begeisterung teilen und mitfiebern“, meint Lenger. Für ihn ist der Fußball vor dem TV-Gerät einfach nicht dasselbe, „es fehlt das leichte nach vorne Beugen, wenn sich eine Chance anbahnt, oder die pure Ekstase, wenn der Ball im Netz zappelt – all das ist einfach jetzt nicht möglich.“ Fußball ist demnach für den Studenten mehr als nur ein Hobby oder ein Zeitvertreib – er ist Geselligkeit, Verbundenheit und Zusammenhalt. „Vor leeren Rängen verliert der Fußball vielleicht nicht seine Augen oder seinen Kopf, dafür aber seine Seele“, meint der Grazer. Das Schweizer Qualitäts-Fußballmagazin Zwölf sieht in den fanlosen Spielen das Todesurteil für den Sport. In einer gemeinsamen Aussendung mit Schweizer Fangruppierungen sehen sie Geisterspiele als Beweis dafür, dass es im Fußball nur um wirtschaftliche Interessen und nicht ums Sportliche geht.

„Besinnt euch auf eure Grundwerte!“

Einen anderen Blickwinkel nimmt hingegen der Wiener Sportsoziologe Otmar Weiss ein. Für ihn ist der Doppelpass zwischen Sport und Wirtschaft enorm wichtig, um die Schönheit des Spiels am Leben zu erhalten, Fans sind dabei nicht zwingend notwendig. „Allein der Umstand, dass gespielt wird, ist positiv zu sehen und die Vermarktung des Sports ist eine logische Folge seines Aufstiegs – der Sport braucht die Wirtschaft wie die Wirtschaft den Sport braucht“, so Weiss. Um sich dennoch nicht abhängig von der Konsumindustrie zu machen, müssten jedoch auch laut dem Sportsoziologen Maßnahmen gesetzt werden. Der Fußball und jeder andere Sport auch sollte sich demnach auf seine Grundwerte besinnen. „Fairness, Verbundenheit und Gesundheit“, sollen Weiss zufolge daher exorbitante Summen in der Vermarktung stets übersteigen, notfalls müssten hier Obergrenzen eingeführt werden.

Sportminister Werner Kogler hat sich mit den Geisterspielen arrangiert. Auch wenn er diese als Fußballfan „nicht übermäßig prickelnd findet“, sind für ihn Spiele vor leeren Rängen noch immer das geringste Übel. Den Vorwurf, dass Bezahlsender und der Wirtschaftssektor die großen Gewinner des Wiederanpfiffs sind, lässt Kogler nicht gelten: „Es gibt eine ganze Reihe von Profiteuren, unter anderem die Fußballfans, für die dieser Schritt auch ein Stück Lebensfreude zurückbringt, die Vereine, nicht zuletzt die Spieler.“

Das Schneller-höher-weiter-Prinzip

Klare Ablehnung gegen Gehaltsverzichte, um Angestellten im Verein den Job zu sichern, von Spielern der englischen Premier League zeichnen ein anderes Bild. Von den 32 Millionen Euro Fernsehgeld werden 23 Millionen an die österreichischen Klubs ausgeschüttet. Die absurd hohen Gehälter von Fußballern sind demnach das Resultat einer gelungenen Kooperation von Sky und Co. mit den Vereinen. Das schneller-höher-weiter-Prinzip des Sports gilt nur noch für wirtschaftliche Entwicklungen. So steigern sich die Ticketpreise in England, wo auch die TV-Gelder für Fußball im internationalen Vergleich am höchsten sind, bis zur Hundert-Euro-Grenze. Bei den milliardenschweren Besitzern der Premier-League-Klubs ist der Fußball zu einer TV-Show verkommen, wo Fans bestenfalls als Nebendarsteller für glänzende Quoten auftreten dürfen.

Vollen Rängen und überschwänglichen Emotionen wurde von Privatsendern und Geldtransaktionen längst im wahrsten Sinne des Wortes der Rang abgelaufen. Jedoch haben die Geisterspiele den Fußball zumindest auf dem Bildschirm und den Vereinskonten wieder zum Leben erweckt. Der Spuk der Kommerzialisierung wird dabei allerdings zum wichtigen Mitspieler auf dem Spielfeld.