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SPORT - mit Ideologie gepolstert

SCHLAGEN WIR IM LEXIKON NACH. Da liest man unter dem Stichwort „Sport“ folgendes: Sport (englisch) allgemein Spiel, Erholung, Liebhaberei. Im engeren Sinne Sammelbegriff für alle Leibesübungen, welche die Ertüchtigung des Körpers und des Geistes durch gymnastische Übungen und durch fairen Wettkampf erstreben.

So war es einmal, ist es noch so? Im Gymnasium hat man es ja gelernt, wie es bei den Olympischen Spielen im alten Griechenland zuging: Fahnen, Hymnen, gestählte Körper, Eid, Kraft und Askese — die große, friedliche Bataille in den Hainen.

Zuerst gab es den Sport ohne jedes Beiwort. Er war Freude an der Bewegung, Erprobung der Kraft, Geschicklichkeit und Schnelligkeit. Man trieb einen Ball hin und her, indem man ihn mit den Händen warf oder mit einem Gerät schlug; man betrieb Sport, indem man „um die Wette“ lief, sprang, schwamm oder ritt, den Speer und den Diskus warf, am Reck, Barren oder Pferd, an den Ringen turnte. Man tat es nach einfachen oder überhaupt ohne jede Regel, auf den Wiesen, in Flüssen oder auf nicht eingezäunten Plätzen. Zuschauer gab es nur wenige. Kaum jemand nahm von den Ereignissen Kenntnis, ausgenommen eben im alten Griechenland, wo die Olympischen Spiele mit Riten und mit Mythologie reich gewürzt waren. Sonst war die Freude am Wettkampf, die Bewegung in Luft und Sonne genug, nach dem alten Wort, wonach nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohne.

Jemand kam dann auf die Idee, die Spielfelder einzuzäunen und Eintrittskarten zu drucken. So stiegen die Unkosten und die Regeln wurden komplizierter, Ergebnisse wurden aufgeschrieben, miteinander verglichen und veröffentlicht. Die Zeitungen hatten eine neue Sparte, den Sportteil. Die beste Leistung nannte man Rekord. Meisterschaften wurden ausgetragen, erst im lokalen Bereich, dann im nationalen, kontinentalen, schließlich im Weltmaßstab.

Was der wackere Baron Pierre de Coubertin vor rund 60 Jahren forderte, mutet wie ein ausgetretener Gemeinplatz oder eine Blasphemie an: „Das erste und wesentliche

Merkmal des alten wie des neuen Olympismus ist, eine Religion zu sein.“

Damals war man bescheiden und schlicht im Gemüt. Vor dem ersten Weltkrieg wäre es niemandem eingefallen, etwa aus einem olympischen Sieg Frankreichs vor dem Königreich Italien die Überlegenheit der republikanischen Staatsform gegenüber der monarchischen herauszudestillieren. Aber schon 1924 hatten die Olympischen Spiele eine politische Färbung bekommen, als man Deutschland ausschloß, weil es 1914 bis 1918 der große Gegner gewesen war. Hitler hat sich das gemerkt und 1936 seine große Schau in Berlin aufgezogen, um seinen NS-Staat vor aller Welt aufzuwerten. Vorübergehend hat er sogar den Kirchenkampf, die Judenverfolgung gedrosselt.

Sport wurde zum Wehrsport. Das hatte schon 1811 Turnvater Jahn erkannt, als er in der Hasenheide bei Berlin die Jugend zum Kampf gegen Napoleon stählte. Der „Führer“ forderte 120 Jahre später die Jugend auf, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Krupp- Stahl zu sein. Heute haben die Olympischen Spiele natürlich eine ideologische Bedeutung erhalten. Wenn der Welt bester Hammerwerfer zufällig aus Charkow stammt, könnte er reüssieren, der Wurf sei ihm deshalb gelungen, weil er im Geist dem Hammer die Sichel nachgeworfen habe.

Wie war es doch im Wembley- Stadion bei der Fußball-WM? Wir haben noch die Szenen vor Augen, die Floskeln im Ohr. Wir sehen das Spielfeld, eingesäumt von Orthopäden, Masseuren, Stiefelziehern, Luft- zuwedlern, Bandscheibenspezialisten, Erste-Hilfe-Trupps. Wir hören noch die homerische Prahlklage der Blessierten (übrigens Meister der Pantomime), sehen die zuckenden Gliedmaßen. Wir erinnern uns, wie aus dem Mund des deutschen Sprechers aus dem Spielfeld ein Schlachtfeld, aus Verteidigern Rammböcke, aus dem Spiel Kampf, aus den Blessierten Verwundete, aus dem Stürmer ein Panzer, aus dem Ball eine Bombe und aus dem Tor eine nationale Katastrophe wurde. Gewiß, wer dem Fußball, dem stärksten Alleinherrscher unseres Jahrhunderts, nicht mit Haut und Haaren, verfallen ist, wird das nie ganz begreifen. Aber daß etwas daran faul ist, wird wohl auch den Kleinhirnrindern einleuchten.

Wer wollte es überhaupt leugnen, daß der Sport heute anders ist als noch vor 40 Jahren? Der Sport einzelner „Verrückter“ hat inzwischen Millionen „Normale" erfaßt. Es gibt ja nicht nur den Sport schlechthin. Es gibt Leistungssport, Kampfsport,

Wehrsport, Prestigesport, den Motorsport (der in den Zeitungen gar nicht auf der Motorseite behandelt wird), den Schachsport und den Tanzsport. Die Sätze, die im Lexikon stehen, stimmen einfach nicht mehr. Man könnte, um nur ein Beispiel zu nennen, den Lexikonverlag bitten, daß er in einem Supplementband dem Tanz eine neue begriffliche Formulierung unterlege, etwa: „Tanz — olympischer Hochleistungssport, zur Gruppe der Lauf- und Springwettbewerbe gehörend, nach Figuren geordnete Schreit-, Hüpf- und Gleitbewegungen der Füße zu verschieden taktierten Geräuschen (früher Musik genannt), Punktewertung!“ Die Tänzer sind die Gladiatoren des Parketts, nur die Zuschauer haben das Vergnügen.

Amateure und Professionals, das waren einst Gegensatzpaare. Heute haben sich die trennenden Grenzen verwischt, wenn nicht aufgehoben. Die Sportler des Ostblocks betreiben den Sport nicht immer um des Sports willen, sondern, um das Ansehen der Partei zu heben, die Überlegenheit der kommunistischen Lebensart zu beweisen oder das Ansehen ihrer volksdemokratischen Vaterländer zu stärken. „Die sozialistischen Trainingsmethoden sind die besseren“, sagen sie herablassend. Man hat den Staatsamateur geschaffen, dem von Staat indirekt angestellten Sportler, der nur dem Schein nach einem „bürgerlichen“ Beruf nachgeht, im übrigen aber nur Sport betreibt unter wissenschaftlicher Anleitung.

Gewiß, auch im Westen sind viele Sportler nur dem Namen nach Amateure. Indes kann man sagen, daß die Mehrzahl der westlichen Amateure vom Ertrag ihrer Arbeit leben und Sport nicht als eine Art Außenpolitik betreiben.

Im Westen gibt es den Vollprofi vor allem im Box- und im Fußball sport. Beide Sportarten werden vom Geld regiert. Ein kleiner Einblick ist da höchst aufschlußreich.

Der Fußball ist das Millionengeschäft unserer Zeit. Da zahlte der italienische Fußballklub FC Turin für den spanischen Stürmer Luis del Sol bare 14 Millionen (in Worten: vierzehn) Schilling. Del Sol wäre nicht der teuerste Fußballer der Welt, wenn es einem europäischen Verein gelänge, Edson Arantes do Nascimento, in Sportkreisen nur „Pele" genannt, zu engagieren. Aber die „schwarze Perle“ des brasilianischen FC Santos ist unbezahlbar und damit unverkäuflich. Selbst Angebote, die italienische und spanische Profivereine bis auf die schwindelerregende Höhe von fast 30 Millionen Schilling trieben, wurden in der Kaffeestadt Santos mit einer Handbewegung abgetan. Pele, der es vom armen Negerjungen zum Millionär gebracht hat, lebt sorgenfrei. So ließ er es uns in seinem autobiographischen Bestseller „Eu sou Pele“ („Ich bin Pele“) wissen. Weder Reichtum noch Ruhm haben ihn kopfscheu gemacht, er blieb bescheiden, was im Sport eine Ausnahme ist. Fixe Steuerberater helfen Pele, sein Geld krisensicher anzulegen. Neuerdings wirbt sein Kopf auf Plakaten entlang der brasilianischen Autostraßen für ein Mittel gegen Haarausfall. Hier rasch einen Blick auf das Schicksal des unvergeßlichen Jesse Owens, des weltberühmten Sprinters, der 1936 vier Goldmedaillen gewann, was Hitler ärgerte. Er hat schlecht spekuliert, büßte 60.000 Dollar ein und ist’ heute, um die Familie ernähren zu können, Sportplatzwart mit einem Wochenlohn von 22 Dollar. Dieses Schicksal teilt er mit dem italienischen Ski-As Zeno Colio.

Der Laie fragt sich, wie die Vereine solche astronomische Summen spielend leicht auszugeben imstande sind. Die Rechnung ist ganz einfach. Bei vollem Stadion kann zum Beispiel der FC Turin mit 42 Millionen Lire (rund 1,8 Millionen Schilling) Einnahmen rechnen. Der billigste Kurvenstehplatz kostet in den italienischen Stadien durchschnittlich 40 Schilling, der numerierte Tnibü- nenplatz 240 Schilling. Das große Geschäft mit dem runden Leder hat man aber auch schon anderswo gewittert, und der Vorteil des Profi- Tums liegt auf der Hand. Der Spieler ist ein Angestellter, der jederzeit erreichbar ist, der zu jeder Stunde zum Training herangezogen werden kann und dessen Leistungsabfall gleichzeitig einen Kursfall an der internationalen Fußballbörse mit sich bringt.

Wie es um die Verdienste im Profifußball steht, konnte man einmal aus der seriösen Zürcher Zeitung „Sport“ erfahren. Der Fall „Pele“ sei hier nicht als Vergleich herangezogen, denn der verdient monatlich 78.000 Schilling. An der Spitze der europäischen Einkommensskala stehen die belgischen Profis mit einem Jahresgehalt von

845.000 Schilling, das sind pro Monat rund 70.000. In Italien kann man rund 50.000 monatlich verdienen, in England 30.000. Das sind allerdings Maximalgehälter. Soviel kann man verdienen, muß es aber nicht. Jedenfalls geht die Tendenz dahin, die Gehälter und die Ablösesummen zu regeln.

Ein Blick in die Welt des Sports. Überall lauem Wettbewerb und Ausscheidungskämpfe. Es ist schade um den Sport. Er erlöste einst den Menschen aus der Enge der Städte und gab ihm das Gefühl für den gesunden Körper. Jetzt ist man schon seit geraumer Zeit dabei, ihn in die Enge des Ehrgeizes, des Geldes, des Nationalismus und der Ideologien zu sperren. Es scheint höchst ungewiß, ob sich das noch einmal ändern wird.

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