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Markt oder Tempel!

Die Wiedererweckung der altgriechischen Olympischen Spiele durch Pierre de Coubertin, die zur ersten „Olympiade neuer Zeit“ in Athen, 1896, führte, hat ganz offensichtlich weniger romantisch zurück als prophetisch vorwärts geschaut: tief hinein ins Zeitalter der leidenschaftsgepeitschten, säbelrasselnden Nationalismen, denen die Olympischen Spiele als waffenlose, faire, kämpferische Begegnung der besten Athleten der Welt ohne Unterschied der Rasse und Religion entgegenwirken sollten. Die Idee war gut und gedieh: Selbst in der vor Spannung knisternden Atmosphäre der Sommerolympiade 1936 Im nationalsozialistischen Berlin konnten noch Juden und Neger unter dem süßsauren Lächeln Goebbels* schmunzelnd Goldmedaillen einheimsen...

Es ist also nicht der Idee anzukreiden, wenn zwischen 1912 und 1920 und zwischen 1936 und 1948 Kunstpausen, Lücken klaffen: Demonstrativ zählt das Internationale Olympische Comite die nicht veranstalteten Kriegsolympiaden von 1916 als VI., die von 1940 und 1944 als XII. und XIII. (Sommer-) Olympiade und unterstreicht damit, daß Kriege die Idee friedlicher menschlicher Begegnung und gegenseitiger Achtung nicht auslöschen können.

Von der gleichen Stelle auch wurde immer wieder versichert, daß für die „Ausladung“ Österreichs (auch Deutschlands und Rußlands) im Jahre 1920 und Deutschlands im Jahre 1948 weniger politische Diffamierung als vielmehr die ungeklärte Lage maßgeblich war. Wir wollen es glauben.

Nicht ganz so alt wie die jetzt 68 Jahre alte neue (Sommer-) Olympiade sind die jeweils im gleichen Viertjahr abgewickelten Olympischen Winterspiele, erstmals 1924 veranstaltet. Zum erstenmal in Österreich sollen sie jetzt als IX. Olympische Winterspiele vom Mittwoch, 29. Jänner, bis Sonntag, 9. Februar 1964, in Innsbruck in Szene gehen.

Wir haben uns die Ehre und Auszeichnung, die diese Wahl ohne Zweifel bedeutet, einiges kosten lassen. In und um die Stadt Innsbruck selbst, die Axamer Lizum sowie um Igls und Seefeld herum sind in fünf Jahren modernste, zum Teil spektakuläre Sportkampfstätten und Unterkünfte, Anfahrtsstraßen und Monumentalbrücken entstanden. Es gibt auch jetzt Kritiken — wie seinerzeit am West- und Südbahnhof und an der Wiener Stadthalle —, die meinen, daß wir uns dabei übernommen hätten. Man weist auf das Potemkinsche Dorf Squaw Valley hin, wo die Amerikaner vor vier Jahren um astronomische Summen über Nacht eine Traumstadt mit Traumpisten hinzauberten, an der derzeit — die Ratten knabbern! Nun, so schlimm wird es mit Innsbruck in der nacholympischen Zeit nicht kommen. Innsbruck ist eine Ski- und Bergsteigerstadt nicht erst heute. Seine 100.000 Einwohner sind angeblich zu zwei Dritteln Skifahrer! Die neue Berg-Isel-Schanze ist später einmal auch als Freilichtbühne verwendbar, das olympische Dorf wird die Wohnungsnot lindern helfen, das Pressezentruni wird der Innsbrucker Universität zwei neue Trakte liefern, Bob-, Rodel- und Eislaufbahnen sowie das Skilanglaufgelände können Stiefkindern des heimischen Wintersports auf die Beine helfen, und Brücken und Autobahnen sind auch nachher, was sie heute sind: Straßen in die Zukunft. Sinnlos verpulvert haben wir also unsere Millionen nicht!

Charmante Gesten allerdings von solcher Freizügigkeit wie die modische Ausstattung unserer Hostessen in Purpur und Waschgrau und (einige Auserwählte) mit „schlichten“ Nerzmützchen (von denen eines angeblich 4000 Schilling gekostet hat), scheinen zwar, gleich, ob aus Hetzendorf oder von Lambert Hofer geliefert, zur österreichischen Operetten tradition zu gehören, tänzeln aber doch schon an der Grenze des uns Zustehenden ...

Nicht teuer, aber „ertragreich“ wird der neuartige seelsorgerische Einsatz von 14 Priestern unter Mili-täroberkurat Jordan sein.

Warum eigentlich ist die Wahl der Internationalen Olympiabehörde auf Innsbruck gefallen? Es hat ja — wie immer — auch andere Bewerber von Rang und Namen gegeben!

Vielleicht hat einmal die magische Kulisse dieser „Großstadt in den Bergen“, die selbst auf das stümperhafteste Photo von dem eleganten Maria-Theresien-Straße-Korso noch eine achtunggebietende Bergkette hinzaubert, dazu verlockt, gar nicht zu reden von der höchst eindrucksvollen Szenerie um das Gelände der Hauptski-bewerbe, die Axamer Lizum, die sich in diesem Jahr bisher freilich gerade als Schneeloch spröde gezeigt hat. Die Veranstalter haben auch darüber nicht den Kopf verloren und meinen: Kommt der Schnee bis dorthin wirklich nicht von selber, dann muß er eben herbeigeholt werden; her muß er, und herkommen wird er auch, und wenn er, wie ein früher Olympiawitz orakelt, aus 100.000 Eiern geschlagen werden müßte!

Näher aber liegt die Annahme, daß das Internationale Olympische Comite mit der Wahl Innsbrucks zur Winterolympiadestadt 1964 einmal vor der ganzen Welt die außerordentlichen Leistungen honorieren wollte, die Österreichs Sportler bei allen Olympiaden seit 1896, besonders aber in den 40 Jahren der Olympischen Winterspiele gezeigt haben.

In der „Ewigen Bestenliste“ der Olympischen Winterspiele liegt beispielsweise Österreich, obwohl ihm die darin mit einbezogenen nordisehen Bewerbe nicht liegen, mit 12 Gold-, 18 Silber- und 16 Bronzemedaillen an fünfter Stelle hinter Norwegen, USA, Finnland und Schweden; die 46 Medaillen stellen ein Zehntel aller bisher verliehenen 461 Winterolympiademedaillen dar! Noch ehrenvoller für Österreich ist die Weltbestenliste der olympischen alpinen Skibewerbe allein: Hier führt Österreich mit 7 Gold-, 10 Silber-und 10 Bronzemedaillen = 27 Medaillen von 79 bisher verliehenen (das sind 34 Prozent!) — vor der Schweiz mit 12 Medaillen und anderen Großnationen, wie den Alpenkonkurrenten Deutschland, Frankreich und Italien, den Skandinaviern und den Riesenreichen USA und UdSSR. Bezieht man die alpinen Bewerbe der Weltmeisterschaften in die Statistiken ein, so führt Österreich wieder mit 111 von insgesamt 334 Medaillen!

Gleich großartig ist die Bilanz im Eiskunstlauf: Bei den Olympischen Winterspielen liegt Österreich hierin mit 17 Medaillen (hinter USA: 18) an zweiter Stelle, bei den Weltmeisterschaften mit 103 Medaillen (vor USA: nur 58!) sogar an erster Stelle. Kein Wunder, daß die Namen dieser unserer Olympioniken ohne eigentliches Stargehaben schon unseren Kindern vertraut sind: die der Eiskunstläufer Böckl, Kaspar, Schäfer, Ja-rosch-Szabo, Pawlik, Wendl, I. und Erich Pausin, Sissy Schwarz-Kurt Oppelt und der Skikanonen Trude Beiser, Erika Mahringer, Dagmar Rom, Regina Schöpf, Traudl Hecher. Pravda, Spiss, O. Schneider, Sailer, Molterer, Schuster, Stiegler, Hinterseer, Leitner, Leo-dolter usw.

Ja, Österreich sei eben ein Alpenland, Winterland, Skiland, meinen die Großen. Im „Sonvmer-sport“ hapere es bei ihm schon. Auch das ist nur eine halbe Wahrheit. Kennen diese Kritiker wirklich nicht die imposante Liste an Sportdisziplinen, in denen Österreich schon 64 Jahre lang Gold, Silber und Bronze, im ganzen 63 Medaillen, oder viereinhalb Medaillen pro Sommerolympiade, errungen hat: in Schwimmen, Radfahren, Fechten, Turmspringen, Ringen, Gewichtheben, Tennis, Schwerathletik, Dreikampf, Rudern, Fußball, Handball, Reiten und Schießen. Sogar in jenen zwei einzigen Sommerolympiaden, bei denen Kunstwettbewerbe stattfanden (1928 in Amsterdam und 1936 in Berlin), errang Österreich vier Medaillen in Plastik und Architektur (je eine Gold-), in Malerei (Silber-) und in Dichtkunst (Bronzemedaille).

Es ist also kein Wölkchen, nur strahlender Himmel über der Olympiastadt und der Olympiawelt, und wir steuern in voller Fahrt, stolz und selbstzufrieden, neuen Kämpfen und Siegen zu?

Nein. Es ist nicht so. Leider!

Von den beiden großen Gefahren, die der Olympiaidee drohen, ist die eine, eine der großen Versuchungen und Entartungen des Sports von heute überhaupt, für die Winterspiele weniger aktuell als für die Sommerdisaiplinen. Wir meinen die apokalyptische Schlacht in den Wolken, die sich die Prestigen und Reputationen der einzelnen Nationen und ihrer Gruppierungen nach Windrichtung, Hautfarbe oder politischen Blöcken liefern. Reicht diese verbissene „Rekordsucht um jeden Preis“ noch dazu in den Bereich des gigantischen Ost-WestDuells, dann ist die Entartung der Olympiaidee, hier: der Ventilierung natürlicher Spannungen durch den „friedlichen Kampf“ um das „Citius, altius, fortius“ („Schneller, höher, mutiger“), offensichtlich und ähnelt dem, so gesehen, sinnlosen Wettrennen um die Augenblickserfolge der Astronautik.

Es scheint aber, wie eben gesagt, in der Natur des „kühleren“ Wintersportes — und hier wieder besonders seines Herzstückes, des Skisports — zu liegen, daß Ausübende und Zuschauer der Gefahr des Chauvinismus nur selten erliegen. Auch die merkwürdigen, nicht selten blockartig auftretenden Fehlurteile der Preisrichter des Eiskunstlaufes haben meist andere Ursachen als nationale Befangenheit. *

Der Wintersport ist aber einer anderen Versuchung ausgesetzt, die man noch vor Jahren kaum gekannt hat. Ski fuhren die Kinder im Bergdorf, zur Schule und zum Kaufmann. Skifahren war für die Jüngeren und Älteren ein seinen Zweck in sich selbst bergendes Messen körperlicher Kräfte, ein „Sport“ im Ursinn des Wortes, ein Naturerlebnis, ein Mittel der Psychohygiene. Heute dringen das Managertum, der Professionalismus. das große Geschäftemachen mit allem und jedermann tief in die letzten Bastionen des Amateurismus ein, verlockend, zersetzend, demoralisierend.

Hier reißen echte, zum Teil unlösbare Probleme, Schicksale und Konflikte auf. Die Grenzen des Renegatentums sind verwischt, und es ist schwer, und es wird immer schwerer, zwischen dem Abfall des einstigen sportlichen Abgottes Toni Sailer (der nach dem Urteil auch vieler echter Sportler „rechtzeitig Schluß gemacht hat“), der smarten Skizirkusakteure Molterer und Hinterseer (die in Amerika hart schuften müssen, um Geld zu schaufeln) und der Abwanderung unserer Welt- und Europameister und -meisterinnen zu Shows und Revuen (die man dann auch wieder als „kulturelle Sendboten“ der Heimat reklamiert!) zu unterscheiden.

So oder so: Gefahren sind da. Man muß sie erkennen und ihnen begegnen. Mit der Idee des Opfers und der selbstlosen Hingabe an den Sport ohne Honorar und Rente aus diesem Sport steht und fällt der ganze Gedanke neuzeitlicher Olympiade. Früh hat denn auch Neu-olympias Gründer und guter Geist, Coubertin, auch diese Gefährdung seiner Idee erkannt und vor 39 Jahren bei seiner Abschiedsrede in Prag den seherischen Ausspruch getan:

„Markt oder Tempel! Die Sportsleute haben zu wählen. Sie können nicht beides wollen, sie müssen sich für eines entscheiden!“

Bundesminister Dr. Heinrich Drimmel zeigte denn auch im Vorspruch des Buches „Olympia in Österreich“ diese Versuchungen des Jahrhunderts klar auf und fügte der Warnung Coubertins hinzu:

„Es geht also um die Wesensfrage des Sportes: Ist er ein Mittel, den Menschen zur harmonischen Drei-heit von Seele, Geist und Körper zu führen, oder dient er der Versklavung des Körpers für nationale oder materielle Ambitionen? Wird der Sport Segen oder Fluch unseres Zeitalters?“

Möge also der Brand von Olympia 1964 die heimlichen Versucher und Verderber der olympischen Idee, die auch in Innsbruck ihre Schlingen auslegen werden, mundtot und schamrot machen, in den jungen Leuten aber das Feuer selbstloser Begeisterung entzünden.

Das wünschen wir von Herzen dem Fest und der schönen Olympiastadt Innsbruck, ihren weithin sichtbaren Tempeln, nicht ihrem unsichtbaren Markt

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