Fußball - © Foto: Pixabay

Fußball-EM: Humanität als Ziel

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Österreich steht erstmals im EM-Achtelfinale. Doch der Vorfall rund um Marko Arnautović hallt noch nach. Es brauche mehr Werteschulungen für die Spieler, sagt der Sportsoziologe Otmar Weiß.

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Österreich steht erstmals im EM-Achtelfinale. Doch der Vorfall rund um Marko Arnautović hallt noch nach. Es brauche mehr Werteschulungen für die Spieler, sagt der Sportsoziologe Otmar Weiß.

Die österreichische Fußballnationalmannschaft hat sich zum EM-Achtelfinale vorgekämpft. Doch die Sperre von Marko Arnautović beim Spiel gegen die Niederlande vergangene Woche blieb nicht unbeachtet. Der Sportsoziologe Otmar Weiß über Fair Play, Rassismus im Fußball, Sport mit Vorbildfunktion und die Rolle der UEFA.

DIE FURCHE: Die Causa Arnautović erschütterte vergangene Woche Österreich und sorgte auf Social Media für eine heftige Diskussion darüber, was auf Fußballplätzen geschrien werden darf, was ist Ihre Einschätzung dazu?
Otmar Weiß: Das kann man nicht strikt abgrenzen – im Sport geht es immer um Motivation und Emotion. Auf der einen Seite hat der Fußball eine völkerverbindende Funktion und lebt vom Grundprinzip der Fairness. Auf der anderen Seite haben wir im Sport Phänomene wie Hooligans, die ihn dazu missbrauchen, Aggressionen abzubauen – ein Fußballmatch führte 1969 zudem auch schon zu einem Krieg. Im Generellen sind Emotionen im Sport aber etwas Schönes. Bei der Frage nach den Grenzen muss man auf die Fairness verweisen – eine weitere Tugend des Sports. Um die Fairness einzuhalten, sollte man danach streben, Chancengleichheit und Achtung des Gegners einzuhalten. Wenn das geschieht, hat man einen humanen Sport.

DIE FURCHE: Marko Arnautović scheint die Achtung des Gegners nicht befolgt zu haben. Entgegen einigen Mutmaßungen wurde der Österreicher wegen Beleidigung und nicht wegen Rassismus verurteilt. Schnell kam die Relativierung, dass derartige Sprüche auf dem Fußballplatz an der Tagesordnung seien – warum ist ihm genau der Vorfall zum Verhängnis geworden?
Weiß: Das ist im Laufe der Emotion passiert. Arnautović ist sicherlich kein Rassist, seine ganze Biografie zeigt eigentlich Weltoffenheit, ohne diese wäre eine derartig großartige Karriere auch nicht möglich gewesen. Er ist sicherlich das Gegenteil eines Rassisten, Sportler verwenden aber derartige Begriffe, ohne sich der Bedeutung bewusst zu sein. Es ist aber sicherlich schwierig, hier eine Grenze zu ziehen, da Rassismus für jede Gesellschaft ein Problem darstellt. Der Schlüssel, um derartige Vorkommnisse zu verhindern, heißt Bildung. Durch Bildung können sich Sportler differenzierter ausdrücken und derartige Geschehnisse vermieden werden.

DIE FURCHE: Besteht die Chance, dass der Fall Arnautović im Fußball zum Präzedenzfall wird und die vorherrschende, teils toxische Männlichkeit aktiv bekämpft?
Weiß: Nein, das glaube ich nicht. Die Strafe ist ausgesprochen, die Spieler haben sich entschuldigt, und so denke ich, dass diese Sache gegessen ist und nicht das Potenzial hat, nachhaltig etwas zu verändern.

DIE FURCHE: Viele Fans erzürnte, dass die UEFA sich plötzlich als moralische Instanz präsentierte und einen verhältnismäßig kleinen Mitgliedsstaat abstrafte. Welche Rolle spielen hier Macht und klischeehaftes „Muskelzeigen“?
Weiß: Das ist immer wieder der Fall im Funktionärswesen des Sports. Einzelne Funktionäre werden sicher aufgrund von eigener Schwäche aus der Position Bestätigung und Macht suchen. Oft fehlt diesen Funktionären Selbstvertrauen – hier würde ich mir ein Stück mehr Professionalität wünschen. Es wäre wünschenswert, wenn Schulungen ins Zentrum gerückt werden, die gesellschaftliche Werte und Normen vermitteln. Letztlich hat der Sport die großartige Funktion, ein Ideal der Gesellschaft sein zu können, wo Werte und Normen gelebt und transportiert werden.

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