Digital In Arbeit

"Computerkompetenz ist ein Kulturgut“

Warum digitale Medien für Kinder nicht generell zu verteufeln sind, erklärt der Pädagogik-Professor Christian Swertz.

* Das Gespräch führte Sylvia Einöder

Sollten kleine Kinder Tablets und Smartphones verwenden? Worauf müssen Eltern und Pädagogen achten? Christian Swertz, Professor für Medienpädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Uni Wien, gibt Antwort.

Die Furche: Gibt es Studien dazu, wie sich die Nutzung von Tabletts auf Kindergarten- und Volksschulkinder auswirkt?

Christian Swertz: Es gibt erste Studien, die zeigen, dass der Umgang von Kindergartenkindern mit Smartphones und Tablets stark von den diesbezüglichen Praktiken in der Familie abhängt. Entscheidend ist die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes und der Umgang der Familie mit dem Medium.

Die Furche: Kann man schon etwas zu den Auswirkungen auf die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung sagen?

Swertz: Für Kindergarten- und Volksschulkinder gibt es kaum Studien, doch folgender Schluss liegt nahe: Diese Technologien sind in unsere Kultur integriert - kleine Kinder sehen den Umgang der Erwachsenen mit den Geräten, aber dürfen diese meist nicht benutzen. Für sie bedeutet der Besitz von Smartphones, erwachsen zu sein. Sie wollen also auch eines haben. 30 bis 40 Prozent der Volksschüler besitzen ein Smartphone.

Die Furche: Sind die Warnungen vor unsozialem Verhalten und Bewegungsmangel gerechtfertigt?

Swertz: Nein. Studien widerlegen das immer wieder. Der Effekt ist sogar ein umgekehrter: Jene, die viel Computer spielen, machen auch mehr Sport. Bezüglich der Kommunikation ist das genauso. Computerspieler spielen ja meist nicht alleine, sondern in Gruppen. Sie kommunizieren über ein Headset mit einem realen Gegenüber. Es ist also keine virtuelle, sondern sogar eine intensive Kommunikation.

Die Furche: Zur Computersucht: Kinder sitzen oft gebannt vor dem Bildschirm, man kriegt sie nicht mehr weg.

Swertz: Und unter Senioren ist Fernsehsucht weit verbreitet. Die Faszination des Bildschirmsist ganz normal. Solange andere Lebensbereiche nicht darunter leiden - wie etwa die Schulleistung - ist das recht unproblematisch. Sieben bis zehn Prozent der Jugendlichen sind exzessive Computerspieler. Wirklich süchtig sind weniger als ein Prozent. Das durchschnittliche Computerspielalter beträgt übrigens 31 Jahre.

Die Furche: Worauf sollten Eltern und Pädagogen achten, wenn Kinder mit Tablet oder Smartphone hantieren?

Swertz: In der Familie sollte man über die Nutzung dieser Medien sprechen, die Auswahl der Inhalte und deren Konsum diskutieren und Regeln vereinbaren. Wenn das Familien verabsäumen, können Pädagogen zwar kompensierend wirken. Es ist aber schwierig, den Kindern etwas anderes zu vermitteln als sie von den Eltern vorgelebt bekommen.

Die Furche: Macht der Einsatz von Tablets im Kindergarten bereits Sinn?

Swertz: Nur, wenn man das in ein didaktisches Setting bettet. Die Technik nötigt die Kinder dazu, ruhig zu sitzen. Vor dem Mittagsschlaf kann das sinnvoll sein. Bewegungsfreudigere Kinder können so nicht arbeiten. Nach der Nutzung der Tablets sind die Kinder immer etwas aufgeregt wegen der permanenten Action am Bildschirm und müssen von diesem Erregungszustand runtergeholt werden. Ich habe aber noch kein kindergartentaugliches Tablet gesehen, das stoß- und wasserfest ist. Kinder haben erfreulich wenig Respekt vor solchen Geräten.

Die Furche: Wie sieht es mit dem Einsatz in der Volksschule aus?

Swertz: Das macht zwar Sinn, aber Aufwand und Kosten sind nicht unerheblich. Ich kenne keine Beispiele von Lerneffekten, die man nicht auch durch andere Lernmittel erreichen könnte. Man setzt die Computertechnologie vor allem ein, weil sie ein Kulturgut wie Schreiben oder Rechnen geworden ist.

Die Furche: Manfred Spitzer spricht von digitaler Demenz. Verblöden uns digitale Medien tatsächlich?

Swertz: Mich überrascht, dass seine Argumentation so eingeschlagen hat. Spitzer hat Studien ausgesucht, die zeigen, dass Computertechnologien Nachteile bringen. Es gibt genauso viele gegenteilige Studien. Aus Sicht der Buchdruckkultur sind Computer schlecht und umgekehrt. Bücher muss man umständlich beschaffen, nach Zitaten mühselig suchen, das Kopieren ist langwierig. Doch hinter der Verbreitung der Computertechnologien stehen starke ökonomische Interessen. Wir müssen uns fragen: Was wollen wir mit den Maschinen tun und Kindern vermitteln? Sonst werden wir zu Dienern der Computer.

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