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Das Gewissen der Stadt

Helmut Kohl gab den Anstoß: Auf seine Bitte stieg Petra Roth, damals Mitglied im Hessischen Landtag und Parteivorsitzende der Frankfurter CDU, in den Wahlkampf. Im Jahr 1995 forderte sie den amtierenden Oberbürgermeister von Frankfurt, Andreas von Schoeler (SPD), heraus - und hängte ihn mit Leichtigkeit ab. Ihre Bodenständigkeit und ihr erdiger Charme, las man später, ebneten ihr den Weg an die Spitze der Stadt. Der Wahltriumpf wiederholte sich 2001 und 2007. Seit 1995 ist Petra Roth Oberbürgermeisterin von Frankfurt, am 30. Juni hat die 68-Jährige ihren letzten Tag im Amt. Sie selbst entschied, ihre letzte Amtszeit nicht mehr bis zum Ende auszuüben.

Mit Petra Roth verliert Frankfurt sein Gesicht, sagen viele. Tatsächlich ist Roth weit über die Parteigrenzen hinaus beliebt. Ihre urbanen, liberalen Positionen machten sie populär. Sie setzte sich für Integration von Zuwanderern und (auch gegen Widerstand aus den eigenen Reihen) für den Bau einer Moschee im Stadtteil Hausen ein. "Ich als Christin will doch niemandem seinen Glauben nehmen“, erklärt sie ihre Einstellung jüngst bei einem Besuch in Wien auf Einladung der Politischen Akademie der ÖVP.

Engagement für Soziales und Energiewende

Auch wenn sich seit ihrem Eintritt in die CDU mit 28 Jahren vieles geändert hat: Ihr Wertesystem ist heute noch das gleiche wie damals, betont sie. Ihre Politik beschreibt sie als soziale, christliche, fürsorgliche. Schon lange vor ihrer Position als Oberbürgermeisterin setzte sie sich mit Nachdruck für Sozialthemen ein. Vehemenz war auch nötig: Als sie 1977 im Stadtparlament über Frauenhäuser sprach, gröhlten die Männer aus ihrer eigenen Fraktion, erinnert sie sich: "Oder AIDS - was war das für eine Diskussion, die Krankheit politikfähig zu machen.“ Auch beim Thema Drogenmissbrauch, das in Frankfurt mehr als in anderen deutschen Städten zum Alltag gehörte, fuhr Roth einen progressive Kurs: Den erste Konsumraum Deutschlands gab es in Frankfurt, mittlerweile beheimatet die Stadt die größte Drogenhilfeeinrichtung Europas.

Nicht erst seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima ist Roth außerdem eine leidenschaftliche Werberin für eine Energiewende: Nachhaltigkeit, erneuerbare Energien und Energieeffizienz sind ihre Kernthemen. Für Roth, Verfechterin von "Metropolregionen“, übrigens durchwegs kommunale Themen: "Weil nur dort die Antworten darauf gefunden werden können, und nur dort die Schnittmenge umgesetzt wird.“ Ihre Ansichten hat sie 2011 im Buch "Aufstand der Städte“ dargelegt (Westend Verlag) .

"Pastor kann ich ja nicht werden“

Kurz nach ihrer Rücktrittserklärung sah es kurz so aus, als könnte auf das Oberbürgermeisteramt nicht der Ruhestand, sondern eine noch größere Aufgabe folgen: Politiker der CSU brachten Roth als Präsidentschaftskandidatin ins Spiel, nachdem Christian Wulff im Februar zurückgetreten war. Die Unionsparteien einigten sich jedoch bekanntlich auf den Pastor Joachim Gauck.

Wie es jetzt weitergeht mit ihr, die nicht anders kann, als sich zu engagieren? "Ich weiß nicht genau“, sagt sie und schmunzelt, "Pastor kann ich ja nicht werden.“ Zur Ruhe setzen will sie sich jedenfalls nicht: "Mir ist eine lebendige Partei wichtig. Und ich kann Menschen gut motivieren, in einer Partei mitzuarbeiten.“

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