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"Eine Wahrheit, die das Übersinnliche zulässt"

1945 1960 1980 2000 2020

Der Grazer Mittelalterforscher Wernfried Hofmeister über die Sehnsucht nach Entgrenzung und die Magie-Gläubigkeit im 21. Jahrhundert.

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Der Grazer Mittelalterforscher Wernfried Hofmeister über die Sehnsucht nach Entgrenzung und die Magie-Gläubigkeit im 21. Jahrhundert.

Seit über zwei Jahrzehnten forscht der Mediävist Wernfried Hofmeister zu Zauber-und Segenssprüchen. Mit Ende Oktober werden auf dem Portal seines "Arbeitskoffer"-Projekts zu "Steirischen Literaturpfaden im Mittelalter" Materialien zum Umgang mit magischen Texten, wie sie etwa in den "Harry Potter"-Romanen zu finden sind, abrufbar sein (http://gams.unigraz.at/o:lima.zaubersprueche).

DIE FURCHE: Herr Professor Hofmeister, erleben Aberglaube und Magie ein Revival?

Wernfried Hofmeister: Je problematischer und gefährdeter die Zeiten, desto freier sind Fantasie und Entgrenzungsvorstellungen, heißt es. Magie ist ganz sicher Teil von Entgrenzungs-Ideen. Wenn sich Menschen magischer Texte bedienen, wie wir es bei "Harry Potter" oder "Herr der Ringe" finden, wo Zaubersprüche vorkommen oder elbisch geflüstert wird, dann dringt etwas vom Untergrund an die Oberfläche ...

DIE FURCHE: Der Mensch des 21. Jahrhunderts glaubt noch an Zauberei?

Hofmeister: Als aufgeklärter Mensch, der eine andere Haltung der Welt gegenüber oft nicht zulässt, sollte man hier vorsichtig sein. In der Tat gibt es viele Effekte, die man bis heute nicht wirklich nachvollziehen kann und wo man fast, wenn man denn hier Sehnsucht empfindet, froh ist über Bereiche, die sich nicht der Vernunft erschließen und selbst die vernünftigsten Menschen ratlos machen. Magie und Aberglaube verweisen genau hier hinein: in eine tiefe Wahrheit, die das Übersinnliche zulässt - auch, wenn es oft unterdrückt wird.

DIE FURCHE: Wo verläuft die Grenze zwischen Glaube und Aberglaube, Wissen und "Aberwissen"?

Hofmeister: In den Wissenschaften gibt es hier unterschiedliche Zugänge. Die Theologie wird schärfere Grenzen ziehen und Unbegreifliches, das geschieht, mit dem Begriff des Wunders fassen wollen; der Verursacher eines Wunders gilt als entsprechend sakrosankt. Entscheidend ist, dass Wissen, das seit Menschengedenken oder über alle Kulturen hinweg in den Bereich des Aberglaubens eingeflossen ist, sich immer an einem entscheidenden Punkt jeder Überprüfbarkeit entzieht.

DIE FURCHE: Um Unüberprüfbares und Nicht-Wahrnehmbares geht es aber auch im Religions-Glauben. Wo liegt der Unterschied zum Aberglauben?

Hofmeister: Den theologischen Diskurs kann ich nur bedingt führen. Ich würde den Begriff "aber" nicht als "wider" interpretieren, also nicht als Gegenform des rechten Glaubens, sondern eher als etwas auffassen, das sich neben dem Glauben etabliert. Diese Elemente haben auch im Zuge der Christianisierung lange nebeneinander stehen können. Selbst heute noch sind sie, etwa bei gewissen Versegnungen oder fast magisch anmutenden Vorkehrungen vor Übel, wie etwa dem Wettersegen, nicht exakt trennbar. Ein wichtiges Element im Bereich von Glauben und Aberglauben ist die Vorstellung , welche Rolle der Mensch einnimmt im Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Erhörung, nach Problemlösung und jener Instanz, an die er sich wendet. Man könnte vielleicht sagen: Je abergläubischer und je weiter weg von einem orthodoxen Glaubenszugang, desto stärker sieht sich der Mensch selbst als Element, das hier etwas beeinflussen kann. Während im christlichen Denken die Vorstellung des Bittens elementar ist, kommt in abergläubischen Ritualen stark die Autonomie zum Tragen.

DIE FURCHE: Und wie stehen Sie persönlich zur Magie?

Hofmeister: Meine Position ist eine des Respekts, wobei ich es als Sport empfinde, möglichst viel davon durch logische Erklärungen zu enttarnen. Dort, wo noch wirklich die sicheren Erklärungen fehlen, bin ich gerne bereit, das Unerklärliche weiterhin gleichsam dem Hoheitsgebiet der Magie zugehörig stehen zu lassen. Magisches Denken braucht Respekt; es gibt Einblick in das Innenleben des Menschen. Zudem verkörpert Magie etwas, das uns Menschen letztlich ganz besonders ausmacht: jenseits der Oberfläche des Wahrnehmbaren.

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