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Gesellschaft

Stillen und Feminismus: ein Gegensatz?

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Die Selbstbestimmtheit der Frauen ist wieder in Gefahr, warnt so manche Feministin. Erneut wird das Mutterideal hochgehalten: Stillen nach Bedarf, immer verfügbares Eingehen auf die Bedürfnisse des Kindes – der Anspruch der Mütter, alles perfekt machen zu wollen, ist so stark wie nie.

Das ist im Kern die Kritik der französischen Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter in ihrem Buch „Le conflit. La femme et la mère“ (Der Konflikt. Die Frau und die Mutter).

Es gebe etwa einen moralischen Druck auf die Frauen, (so lange als möglich) zu stillen. Badinter will sich nicht grundsätzlich gegen das heute viel propagierte Stillen aussprechen, sieht aber die Gefahr, dass Frauen wieder in die traditionelle Rolle gedrängt würden –ohne es vielleicht zu merken. Sie stillen nach Bedarf, das bedeutet eine Verfügbarkeit Tag und Nacht.

Die Ursachen sieht Badinter in einem Naturalismus, der wieder den Mutterinstinkt beschwört. Auch in der feministischen Zeitschrift Emma wurde jüngst dieser Ton angeschlagen. Eine Emma-Mitarbeiterin legte ein gewagtes Bekenntnis ab: „Nein, ich stille nicht. Und das ist gut so.“ Mutter und Kind gehe es gut damit, nur dem mahnenden Umfeld nicht.

Badinter sieht auch die Umweltbewegung als eine treibende Kraft hinter diesem Trend zur perfekten Mutter. Mehrwegwindeln werden wieder modern. Stillen nach Bedarf und möglichst lang, Ökowindeln waschen und über all dem das Gewicht der Bindungstheorie – alles zusammen läuft es darauf hinaus, dass wieder die Frauen zu Hause angebunden seien.

Frauen wieder zu Hause angebunden?

Das Phänomen betrifft vor allem gut ausgebildete Frauen, die sich als emanzipiert betrachten würden. Doch gerade sie tappen offenbar nur zu leicht in diese „Falle“. Sie wollen alles richtig machen, und prompt sitzen sie zu Hause und warten auf den Mann und auf ihren sicheren Karriereknick.

Doch wie ist das wirklich mit dem (Langzeit-)Stillen und der Selbstbestimmtheit? Badinters Kritik hat einen wahren, ernst zu nehmenden Kern: Mutterideale sind stets verdächtig und daher abzulehnen. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass Menschen Beziehungen eingehen wollen und müssen, und Beziehungen bedeuten immer Abhängigkeiten und eine Einschränkung der Selbstbestimmtheit. Gewiss, es können nur Frauen Kinder kriegen und stillen, aber ab da gibt es für Väter und das weitere Umfeld keine Ausreden mehr, sie sollen endlich mehr Zupacken.

Wenn eine Frau die ersten Monate ihr Baby nach Bedarf stillt und danach ihr Kleinkind ab und zu, dann ist ihre Freiheit vorübergehend mitunter stark eingeschränkt. Doch hier ein Plädoyer für die vielleicht vergessenen Freiheiten durch das Stillen: zunächst die Freiheit vom Fläschchen und Pulver. Was noch viel mehr wiegt: Stillen ist ein Grundstein für einen guten Start ins Leben, es fördert das Urvertrauen – die beste Voraussetzung dafür, dass sich Kinder in Fremdbetreuung gut aufgehoben fühlen und selbstständiger werden. Die Mühen des Anfangs werden später mit viel mehr Freiheiten für die Mütter belohnt.