Der Fuchs #5© Alamode Film - © Alamode

"Der Fuchs": Österreichisches Arthouse-Kino in Vollendung

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In seinem neuen Film "Der Fuchs" zeigt Adrian Goiginger einmal mehr seine hohe Kunst des biografischen Filmerzählens.

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In seinem neuen Film "Der Fuchs" zeigt Adrian Goiginger einmal mehr seine hohe Kunst des biografischen Filmerzählens.

Nach der Mitterer-Verfilmung „Märzengrund“, die im August ins Kino kam, begibt sich Adri­an Goiginger im dritten Langspielfilm „Der Fuchs“ wieder auf familienbiografische Spurensuche. Während es im Erstling „Die beste aller Welten“ 2017 um die Hommage an die Mutter ging, so baut Goiginger seine Fuchsgeschichte nun um die Erlebnisse seines Urgroßvaters Franz Streitberger im Zweiten Weltkrieg. Wobei es nicht um einen Kriegsfilm geht, auch wenn die Gemetzel und Gräuel en passant, am Wegrand sozusagen, präsent bleiben.

Aber Streitberger muss mit seinem unaufgearbeiteten Schicksal fertigwerden: Dass im Salzburgerland vor allem die Jüngsten aus der Kinderschar armer Bauern an reichere Agrarier weggegeben wurden, zeigt die Brutalität des kargen Existenzkampfes, die bis weit in die Nachkriegszeit hineinreichte und die aus aufgeweckten Bauernbuben Sklaven bei Bessergestellten machte. Franz kann dieses Trauma auch nicht überwinden, als er mit 18 freikommt und zunächst beim Bundesheer und ab 1938 bei der Wehrmacht landet. Ein Eigenbrötler an der Grenze zum Soziopathen, der aber unversehens in die Rolle eines Beschützers schlüpfen muss, als er auf dem Frankreichfeldzug 1940 einen verwaisten Fuchswelpen findet, der ohne ihn verloren wäre. Der Fuchs, so die auch am Rande einer fixen Idee dahingleitende Überzeugung Streitbergers, darf nicht das Schicksal des „Weggebens“ erleiden – der doch nicht verkümmerte Menscheninstinkt bahnt sich via Fuchs den Weg ins Leben Streitbergers.

Goiginger hat das biografische Filmerzählen ja in „Die beste aller Welten“ mehr als gelernt, und aus „Märzengrund“ nimmt er in den „Fuchs“ den grandiosen Filmblick auf die Bergwelt und Natur dieser Gegend mit. Und für die Fangemeinde von Terrence Malick sei’s gesagt: Wenn Goiginger – wie im Interview – die Filmsprache des US-Ausnahmeregisseurs – etwa im Franz-Jägerstätter-Biopic „Ein verborgenes Leben“ (2019) – zum Vorbild nennt, so entpuppt sich Goigingers Film als erstaunlich reife österreichische Version, auf diese Art und Weise Film zu machen. Und auch László Nemes, der 2015 in „Son of Saul“ die KZ-Gräuel in enge Kadrierung und ausschließliche Blicke über die Schulter der Protagonisten gezwängt hat, findet in Goiginger einen, der dies auch in die innere Not dieses Franz Streitberger zu übersetzen versteht. Hier kann von Epigonentum dennoch keine Rede sein – weder zu Malick noch zu Nemes. Sondern es handelt sich bei „Der Fuchs“ um österreichisches Arthouse-Kino in Vollendung. Zu erwähnen bleibt nur, dass Simon Morzé in der Hauptrolle das Seine beiträgt, dass dieser Film in Erinnerung bleiben wird.

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