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„Märzengrund“: Freiheit begehren im Zillertal

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In seinem zweiten Spielfilm macht sich Adrian Goiginger an ein Theaterstück von Felix Mitterer. Betörend gewaltige Naturbilder und ein grandioses Schauspielensemble tragen den Film.

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In seinem zweiten Spielfilm macht sich Adrian Goiginger an ein Theaterstück von Felix Mitterer. Betörend gewaltige Naturbilder und ein grandioses Schauspielensemble tragen den Film.

Die Vorschusslorbeeren – oder, sagen wir: die hoffnungsvoll-freudige Erwartung war da. Adrian Goiginger, Salzburger Filmemacher, hat sich mit seinem Spielfilmerstling „Die beste aller Welten“ vor fünf Jahren in die erste Reihe heimischer Regisseure katapultiert. Nun folgt mit „Märzengrund“ das zweite Langfilmepos, an dem als erste Frage interessant ist, ob sich Goiginger auch an einem nicht autobiografisch gefärbten Stoff bewähren kann.

Denn bei „Märzengrund“ handelt es sich nicht nur um einen „fremden“ Stoff, sondern gleich um die Verfilmung eines gleichnamigen Theaterstücks von Felix Mitterer. Nun ist der Tiroler „Heimatdichter“ ja schon lange auch als Autor von Drehbüchern für Film und Fernsehen ein Begriff. Und es zeugt von Mut, dessen Drama zur Grundlage eines eigenen Films zu machen und sich sozusagen mit dem Altvorderen zu messen. Eine Herausforderung auch deswegen, als sich Mitterers Bewegtbild-Œuvre (von diversen „Tatorten“ bis zum „Landkrimi“) durch düstere Schwere alpiner Existenz, aber auch durch Grenzgängertum zum Kitsch auszeichnet.

Von beiden Elementen ist auch der „Märzengrund“ Goiginger’scher Façon nicht frei, wenngleich dem Filmemacher zu konzedieren ist, dass in der Urgewalt und in der Kraft der Bilder aus dem alpinen Hochgebirge schon ein unbändiger Zauber innewohnt – und an diesem lässt Goiginger sein Publikum ausgiebig teilhaben.

Bis in die hintersten Täler

Der Plot beruht auf einer wahren Geschichte. In den 1960ern soll im schmucken Zillertal, wo der reichste Bauer sein Land und Gut an den ältesten Sohn weitergibt, ein in landläufigem Verständnis missratener Sprössling das väterliche Ansinnen und die ehrwürdige Bauerntradition hintangehalten haben. Auch wenn die 1968er im trauten Tirol ja vordergründig nicht stattgefunden haben.

In dieser Zillertal-Episode zeigt sich aber, dass die Zeitläufte selbst in hintersten Tälern Spuren hinterlassen haben – und sei es, dass ein Landmann mit besten wirtschaftlichen Aussichten (samt einem vom Vater ihm zugeeigneten NSU Prinz, einem Kleinwagen, der die minder ausgestattete Dorfjugend vor Neid erblassen lässt) aussteigt, das Erbe verschmäht und in die Einschicht der Almen zieht. Und der, als diese wegen des anschwellenden Fremdenverkehrs noch zu wenig abgeschieden ist, weiter hinaufzieht ins Hochgebirge, wo einander Adler und Steinbock Gute Nacht sagen.

Der aufbegehrende Zillertaler heißt im Film Elias, und die Mutter muss die Bücher, die der beste Schüler in seiner Klasse so gern liest, vor dem Vater verstecken, der für Schöngeistiges so überhaupt kein Verständnis hat. Als sich Elias dann noch in Moid, eine geschiedene Mittzwanzigerin, verliebt, sorgt aber auch die Mutter dafür, dass dieser Verbindung keine Chance gegeben wird: So eine Person kommt ihr nicht ins großbäuerliche Haus.

Elias erkrankt daraufhin an einer Depression. Um diese „auszukurieren“, schickt ihn der Vater nach medizinischer Behandlung für den Sommer auf seine Alm, dort soll Elias zur Besinnung kommen – und dann mit dem Abtrieb des Viehs wieder ins Tal zurückkehren, um den väterlichen Hof übernehmen. Aber anstatt sich „einzukriegen“, atmet Elias dort im Gebirge die Luft der Freiheit. Und die tauscht er zum Entsetzen des Vaters nicht mehr gegen das bäuerliche Dasein im Tal ein. Im Gegenteil: Immer höher zieht es ihn hinaus, er wird zum Einsiedler – und wäre dies bis ans Lebensende geblieben, müsste er nach 40 Jahren wegen einer schweren Erkrankung nicht doch wieder in die Zivilisation des Zillertals zurückkehren.

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