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Nacht in Motown

Die Polizeigewalt und die darauf folgenden Krawalle in Ferguson waren frisch im Kopf, als Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow ("The Hurt Locker") den Stoff für ihr jüngstes Projekt wählte. "Detroit" versetzt zurück in die fünftägigen Rassenunruhen im Juli 1967, die insgesamt 43 Tote forderten. Ihr Fallbeispiel eines rassistisch motivierten Übergriffs findet Bigelow dabei in den Ereignissen im Algiers Motel. Unter dem Eindruck, beschossen zu werden, fühlten sich die Sicherheitskräfte veranlasst, das Gebäude zu stürmen; drei Schwarze waren gestorben, als sie abzogen. Alle beteiligten Polizisten wurden im darauf folgenden Verfahren freigesprochen.

Faktenbasiert rekonstruiert die Filmemacherin, was passierte, verfolgt die Wege der Anwesenden: des schwarzen Zweitjob-Wachmanns eines Ladens nebenan, der im Versuch, zu vermitteln und Schaden abzuwenden, alles mitansieht; des jungen Sängers, nicht mehr nach Hause durchkommt und im Hotel strandet; zweier weißen Mädchen, die wie Dreck behandelt werden, weil sie unter Schwarzen aufgegriffen werden, und doch anders; des weißen Streifenpolizisten, dem bereits eine Morduntersuchung droht, als er das Haus betritt, der zur treibenden Kraft wird. Eine zeitgenössische Studie beziffert die Einstellung der Cops, die damals in Detroiter Schwarzenvierteln Dienst taten: 45 Prozent "extrem anti-Neger", 34 Prozent "voreingenommen".

Ein ums andere Mal gelingt es Bigelow, die daraus resultierende Stimmung auf den Punkt zu bringen -das beiderseitige Gefühl der Bedrohung, eine auf Eskalation wartende Gemengelage, in die eine herbei beorderte, eben aus Vietnam zurückgekehrte Army-Einheit weitere Brisanz bringt.

Anfangs baut sie daraus ein Mosaik aus Archivmaterial und Doku-Spiel, in dem man sich erst orientieren muss, um später äußerst wirkungsvoll die Anspannung der Lage zu bewerkstelligen, als sie ihren Sichtkreis auf das Algiers einengt. Obgleich ihr diesmal die letzte Konsequenz fehlt, weil sie sich zu narrativen Konzessionen hinreißen lässt, zu verträumten Seifenblasen am Rand eines Schlachtfelds. Wenn es jedoch am Werk ist, dann weiß ihr Instrumentarium einen überzeugenden Film zu schaffen, über ein Unrecht, das genauso für sich selbst steht wie als Mahnung für die Gegenwart.

Detroit USA 2017. Regie: Kathryn Bigelow. Mit John Boyega, Will Poulter, Algee Smith. Constantin. 143 Min.

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