Wadjda - © Filmladen

Was sich Wadjda in den Kopf setzt …

1945 1960 1980 2000 2020

Otto Friedrich über den ersten saudi-arabischen Film "Das Mädchen Wadjda".

1945 1960 1980 2000 2020

Otto Friedrich über den ersten saudi-arabischen Film "Das Mädchen Wadjda".

Das landläufige Wissen über Saudi-Arabien ist theoretisch und klischeebeladen. Wie soll man sich denn auch das Leben in einer repressiven, von einer fundamentalistischen Auslegung des Islam geprägten Gesellschaft vorstellen? Sich am Ort ein Bild zu machen, liegt für die meisten Europäer außerhalb ihrer Möglichkeiten. Der Film "Das Mädchen Wadjda“ der saudischen Regisseurin Haifaa al Mansour (re.) ist ein probates Mittel, um westliche Ahnungslosigkeit zu bekämpfen. Und entpuppt sich als kulturelle Großtat - ein Versuch des Brückenbauens, ohne die Probleme der Gesellschaft zu leugnen. Doch auch in Saudi-Arabien leben Frauen und Mädchen: Sie finden sich in ihrer Gesellschaft zurecht - und leisten Widerstand gegen die alltäglichen Verhältnisse.

Dank einer saudisch-deutschen Koproduktion wurde aus dem ersten saudischen Spielfilm Wirklichkeit - und eine Frau hat ihn gedreht! Mansour erzählt ohne Schaum vor dem Mund oder erhobenem Zeigefinger. Sie kritisiert, indem sie diese Geschichte zum Film macht - die Geschichte von der elfjährigen Wadjda, deren Wunsch nichts sehnlicher ist, als ein Fahrrad zu bekommen, auf dass sie mit ihrem Spielkameraden Abdullah um die Wette fahren kann.

Jeans und Chucks unter knöchellangem Schulkleid

Doch Radfahren gilt für Frauen als absolutes No-Go. Wadjda, die Jeans und Chuck-Taylor-Turnschuhe unter der dunkelgrauen knöchellangen Schulkleidung trägt, ist ein Mädchen wie überall auf der Welt. Um ihr Ziel zu erreichen, nimmt sie - wegen des Preisgeldes - sogar an einem Koranwettbewerb teil: Was aber, wenn die gestrenge Schulleiterin, über die es in der Mädchenklasse genug amouröses Getuschel gibt, draufkommt, wofür sie das Geld haben will?

Kein Blick von außen wird hier präsentiert, aber ein Blick für Menschen von außen sehr wohl: Zwei Welten stellt Mansour nebeneinander: die draußen, wo die erzkonservative Männergesellschaft dominiert und kontrolliert, und die hinter den Hauswänden in der saudischen Hauptstadt Riad, wo es zugeht wie in einer Wohnung der oberen Mittelklasse irgendwo sonst. Dass die Mutter von Wadjda ihren eigenen Lebenskampf führt, verschweigt der Film gleichfalls nicht: Wadjdas Vater will einen Sohn - darum sucht er sich eine zweite Frau. Doch die auf diese Weise gedemütigte Mutter nimmt das nicht so einfach hin …

Eine Geschichte, ein Film - aus dem Leben erzählt. Reem Abdullah, die Darstellerin der Mutter, ist in Saudi-Arabien ein TV-Star. Aber der Film lebt wesentlich vom großartigen Schauspiel der Waad Mohammed: Ohne die unbefangene Darstellung der 12-Jährigen wäre "Das Mädchen Wadjda“ kaum das eindrückliche wie humorvolle Kultur- und Zeitzeugnis geworden, das man unbedingt sehen sollte.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau