Es bleibt nur die Fantasie

Die Schweizer Autorin Jacqueline Moser schreibt in ihrem ersten Roman über das Erwachsenwerden zweier Kinder ohne Mutter.

Die Liebesgeschichte zwischen André und Lucia ist auf knappen 18 Zeilen erzählt. Was danach kommt: Lucia verlässt André und ihre gemeinsamen Kinder Carla und Adrian. Auf das Leben dieses Geschwisterpaares in der Schweiz der siebziger bis neunziger Jahre ist das Hauptaugenmerk von "Lose Tage", dem Debütroman der 43-jährigen Schweizer Autorin Jacqueline Moser, gerichtet.

Es ist ein zartes Gespinst von kurzen Szenen und Eindrücken, das, über die Jahre verteilt und ohne chronologische Anordnung, den Leser in die Welt von Carla und Adrian eintauchen lässt. Über die Kindheit und das erste Alter des Erwachsenwerdens verfolgt man so Adrians und Carlas Erwachsenwerden.

Alle Fotos vernichtet

Die fehlende Mutter wirft ihre kurzen und langen Schatten. Immer wieder tauchen Momente der Sehnsucht auf, vor allem bei Adrian, Sehnsucht zu wissen, was für ein Mensch diese Frau war, an die es keine Erinnerungsmöglichkeiten gibt, hat doch der Vater alle Fotos und Filme aus "jener Zeit" vernichtet. Und so bleibt Adrian nur die Fantasie, um sich ein Bild zu machen, denn: "Wenn er sich an etwas aus seiner frühesten Kindheit erinnert, dann sind das einzelne aus einem Bild gefallene Mosaiksteine, die im besten Fall ganz geblieben und mit Gefühlen verbunden sind."

Was dem schmalen Buch eine unerwartete Fülle gibt, sind die zahlreichen Szenen aus dem Leben mit dem alleinerziehenden Vater, mit den zahlreichen Kindermädchen und der mächtigen, gestrengen Upper-Class-Großmutter, die glaubt, dem Leben der mutterlosen Kinder die "richtige" Richtung geben zu müssen. Zahlreiche durchorganisierte Urlaube, in den Bergen, am Meer, die nicht gern gesehene Freundschaft mit den Kindern aus dem benachbarten Arbeiterviertel, Jugendfreundschaften, die ebenso schnell wieder gelöst werden wie sie kurz intensiv waren: "Warum soll man eine Freundschaft künstlich am Leben erhalten. Wie man sich auch verhält, früher oder später trennen sich die Wege. Gründe gibt es genug."

In einer unaufgeregten, aber eindringlichen Sprache erzählt Jacqueline Moser die Geschichte einer "amputierten" Familie, in der der Vater die Mutterlosigkeit nicht wettmachen kann. Er ist häufig abwesend; seine Abwesenheit wiegt doppelt schwer. Gleichzeitig relativiert der Roman die Vorstellung von Harmonie in intakten Familiengefügen: Adrian und Carla, die immer wieder und sehr gerne zu Gast sind bei den Familien ihrer Freunde, gewinnen Einblicke in die Abgründe, die sich hinter den Fassaden der so genannten Normalität auftun.

Lose Beziehungen werden so auf losen, leisen Blättern geschildert, in denen sich die "Losen Tage" einer an den anderen reihen. Die Autorin wirft das Netz aus nach den Erinnerungen, fördert Bruchstücke hervor, wobei das Ausgelassene dazwischen, die Leerstellen, Teil des erzählerischen Konzeptes zu sein scheinen. Auch macht letztendlich erzählerisch und kompositorisch Sinn, was einen als Leser zu Beginn etwas orientierungslos lässt: zahlreiche Namen und Personen umkreisen den engen Kern der Familie, sie sind kurz da und verschwinden dann wieder; die Haltlosigkeit in den Beziehungen spiegelt sich in den Personenkonstellationen wieder. Im zweiten Drittel des Buches jedoch verdichten sie sich und arbeiten so dieser Haltlosigkeit und Unverbindlichkeit entgegen.

Selbstbestimmt leben

Denn genauso wie in einem klassischen Familiengefüge geht es auch in der Geschichte von Adrian und Carla darum, ein selbstbestimmtes Leben zu finden, fernab von familiären Zwängen: Adrian bricht die Schule ab und baut sich letztendlich ein selbständiges Leben als Tontechniker auf. Er heiratet, bekommt einen Sohn, die Ehe scheitert. Was für einen mit Adrians Geschichte in einem vom Wiederholungszwang diktierten Fiasko enden könnte. Doch schafft er es, mit dem Sohn in Verbindung zu bleiben und eine Beziehung aufzubauen.

Auch Carla kann ihren eigenen Weg gehen: gegen den Willen der Familie studiert sie Musik und folgt schließlich einem Musiker nach Japan - der Roman endet im Flugzeug, über den Wolken. Und es kommt auch zu einem Wiedersehen mit der Mutter. Unspektakulär ihr Leben, unspektakulär die Begegnung. Doch das Traumbild kann sich endlich auflösen, sie ist, und das ist gut so, den beiden eine Fremde.

LOSE TAGE

Roman von Jacqueline Moser

Weissbooks Verlag, Frankfurt 2008

155 Seiten, geb., € 18,50

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