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Literatur

IM FORMENPARADIES

1945 1960 1980 2000 2020

WALTER KAPPACHERS ROMAN ÜBER EINE REISE ALS AUSEINAN-DERSETZUNG MIT DEM LEBEN.

1945 1960 1980 2000 2020

WALTER KAPPACHERS ROMAN ÜBER EINE REISE ALS AUSEINAN-DERSETZUNG MIT DEM LEBEN.

Blicke in die bodenlose Tiefe der Canyons, Geröllgräben und pyramidenförmig hochragende Felsen, prähistorische Malereien -ein Meer von roten Steinen, ödes, karges Land und rundum nur Einsamkeit.

Es ist "The Land of Standing Rocks" im Maze District, das zur Sehnsuchtslandschaft einer Romanfigur wird. Die stille Traumzone eines Nationalparks, die den Besucher aus der Zeit hebt und ihm das Gefühl vermittelt, in einen anderen Seinszustand gelangen zu können, weil man sie fast als "Widerschein des Paradieses" wahrnimmt.

Vielschichtig und kunstvoll

Der Salzburger Autor und Georg-Büchner-Preisträger Walter Kappacher hat sich in den letzten Jahren nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Fotograf einen Namen gemacht. Man kennt ihn als einen, der sich mit eindringlicher poetischer Sprache dem Detail zuwendet, dem Kleinen, oft Unauffälligen, wie in seinem Fotoband "Die Schönheit des Vergehens", in dem er mit seinen Schilfbildern die Metamorphose herbst-und winterlicher Natur konturiert.

Sein neuer Roman "Im Land der roten Steine" ist vielschichtig und kunstvoll angelegt. Kappacher rollt das Geschehen aus drei, gelegentlich ineinander rinnenden Blickwinkeln des Protagonisten auf. Im Mittelpunkt steht der Gasteiner Arzt Michael Wessely, ein Einzelgänger. Nach seinem Pensionsantritt und der Auflösung seiner Praxis unternimmt er eine Reise zum Nationalpark in Utah, wo er gemeinsam mit einem Rancher seinen Weg in die Maze antritt. Schon lange spürt er, dass sein Leben nicht mehr ganz im Lot ist, auch wenn er später konstatiert, dass er "nichts zu bedauern oder zu bereuen habe". Als er einmal seine Tochter in New Mexico besucht, fahren sie zum Grand Canyon. Ihn ergreift eine "namenlose Sehnsucht" nach dieser Gegend, die "seither in ihm zehrt".

Der Protagonist ist auf der Suche nach sich selbst, nach Heimat -und lässt sich berühren von den "nicht enden wollenden, langgestreckten rötlich-orangen abgestuften Tafelbergen", von einer atemberaubenden Wüsten-und Felsregion. Das Kapitel dieser Reise nennt Kappacher nach einer Schrift des römischen Philosophen Seneca "De vita beata". Das reduzierte Leben während dieser vier Tage in der Maze, inmitten von Stelen in einem "heiligen Bezirk", führt Wessely gedanklich zurück in die Zeiten der Ursprünge und lässt ihn Wesentliches erahnen: "Auf einmal wurde mir die Stille hier bewusst und die ungeheuren Zeiträume der Entstehungsgeschichte unserer Erde, und wie winzig die Epoche der Menschheitsgeschichte". Die Existenzerfahrung verstärkt sich, als er einen Tag allein verbringt, weil sein Begleiter eine Wanderung unternimmt. Was, wenn er nicht zurückkäme? Er wäre außerstande, alleine in die Zivilisation zurückzukehren. Der Erzählfluss ist getragen von einer großen Nachhaltigkeit der Bilder, in der sich ein "abenteuerliches Formen-Paradies" zwischen Gipfelsegmenten und zerklüfteten Butten auftut und auch im Leser eine Sehnsucht weckt. Zugleich wirft Kappacher gesellschaftskritische Fragen auf, die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts durch maßlose Eingriffe des Menschen und das Verdrängen alter indianischer Tradition.

Blick für das Wesentliche

In Wessely bündeln sich vielschichtige Probleme. Im Zurücktasten zu Kardinalpunkten des Lebens zeigt sich die Matrix der Vergangenheit. Arbeit, Versäumnisse, Verluste: seine Mutter, dann die Mutter seiner Tochter, nach der Reise sein Vater und sein Freund. Der Zauber des Neuen ("Vita nuova") nach der Rückkehr mündet in die Reflexion über die Kürze des Lebens. Dabei webt Kappacher Begriffe aus den Schriften Meister Eckharts ein und die Auseinandersetzung mit Gott.

Mit sensiblem Gespür für die Fragen, die wir in uns tragen, nährt Kappacher angesichts der Unerfassbarkeit der Zeitläufe schwebend und tiefgründig den Blick für das Wesentliche und zeigt als Raum der Freiheit, es zu erkennen und das "Leben entsprechend einzurichten".

Land der roten Steine

Roman von Walter Kappacher

Hanser 2012,160 S., geb., € 18,40

Blicke in die bodenlose Tiefe der Canyons, Geröllgräben und pyramidenförmig hochragende Felsen, prähistorische Malereien -ein Meer von roten Steinen, ödes, karges Land und rundum nur Einsamkeit.

Es ist "The Land of Standing Rocks" im Maze District, das zur Sehnsuchtslandschaft einer Romanfigur wird. Die stille Traumzone eines Nationalparks, die den Besucher aus der Zeit hebt und ihm das Gefühl vermittelt, in einen anderen Seinszustand gelangen zu können, weil man sie fast als "Widerschein des Paradieses" wahrnimmt.

Vielschichtig und kunstvoll

Der Salzburger Autor und Georg-Büchner-Preisträger Walter Kappacher hat sich in den letzten Jahren nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Fotograf einen Namen gemacht. Man kennt ihn als einen, der sich mit eindringlicher poetischer Sprache dem Detail zuwendet, dem Kleinen, oft Unauffälligen, wie in seinem Fotoband "Die Schönheit des Vergehens", in dem er mit seinen Schilfbildern die Metamorphose herbst-und winterlicher Natur konturiert.

Sein neuer Roman "Im Land der roten Steine" ist vielschichtig und kunstvoll angelegt. Kappacher rollt das Geschehen aus drei, gelegentlich ineinander rinnenden Blickwinkeln des Protagonisten auf. Im Mittelpunkt steht der Gasteiner Arzt Michael Wessely, ein Einzelgänger. Nach seinem Pensionsantritt und der Auflösung seiner Praxis unternimmt er eine Reise zum Nationalpark in Utah, wo er gemeinsam mit einem Rancher seinen Weg in die Maze antritt. Schon lange spürt er, dass sein Leben nicht mehr ganz im Lot ist, auch wenn er später konstatiert, dass er "nichts zu bedauern oder zu bereuen habe". Als er einmal seine Tochter in New Mexico besucht, fahren sie zum Grand Canyon. Ihn ergreift eine "namenlose Sehnsucht" nach dieser Gegend, die "seither in ihm zehrt".

Der Protagonist ist auf der Suche nach sich selbst, nach Heimat -und lässt sich berühren von den "nicht enden wollenden, langgestreckten rötlich-orangen abgestuften Tafelbergen", von einer atemberaubenden Wüsten-und Felsregion. Das Kapitel dieser Reise nennt Kappacher nach einer Schrift des römischen Philosophen Seneca "De vita beata". Das reduzierte Leben während dieser vier Tage in der Maze, inmitten von Stelen in einem "heiligen Bezirk", führt Wessely gedanklich zurück in die Zeiten der Ursprünge und lässt ihn Wesentliches erahnen: "Auf einmal wurde mir die Stille hier bewusst und die ungeheuren Zeiträume der Entstehungsgeschichte unserer Erde, und wie winzig die Epoche der Menschheitsgeschichte". Die Existenzerfahrung verstärkt sich, als er einen Tag allein verbringt, weil sein Begleiter eine Wanderung unternimmt. Was, wenn er nicht zurückkäme? Er wäre außerstande, alleine in die Zivilisation zurückzukehren. Der Erzählfluss ist getragen von einer großen Nachhaltigkeit der Bilder, in der sich ein "abenteuerliches Formen-Paradies" zwischen Gipfelsegmenten und zerklüfteten Butten auftut und auch im Leser eine Sehnsucht weckt. Zugleich wirft Kappacher gesellschaftskritische Fragen auf, die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts durch maßlose Eingriffe des Menschen und das Verdrängen alter indianischer Tradition.

Blick für das Wesentliche

In Wessely bündeln sich vielschichtige Probleme. Im Zurücktasten zu Kardinalpunkten des Lebens zeigt sich die Matrix der Vergangenheit. Arbeit, Versäumnisse, Verluste: seine Mutter, dann die Mutter seiner Tochter, nach der Reise sein Vater und sein Freund. Der Zauber des Neuen ("Vita nuova") nach der Rückkehr mündet in die Reflexion über die Kürze des Lebens. Dabei webt Kappacher Begriffe aus den Schriften Meister Eckharts ein und die Auseinandersetzung mit Gott.

Mit sensiblem Gespür für die Fragen, die wir in uns tragen, nährt Kappacher angesichts der Unerfassbarkeit der Zeitläufe schwebend und tiefgründig den Blick für das Wesentliche und zeigt als Raum der Freiheit, es zu erkennen und das "Leben entsprechend einzurichten".

Land der roten Steine

Roman von Walter Kappacher

Hanser 2012,160 S., geb., € 18,40