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Schreiben, aus Beobachtung gespeist

Obwohl Walter Kappacher 2009 die angesehenste literarische Auszeichnung im deutschsprachigen Raum, den Georg-Büchner-Preis, erhielt, ist er vor allem außerhalb Österreichs ein Geheimtipp geblieben. 1938 in Salzburg geboren, begann er in den 1970er-Jahren, anfangs vermittelt durch Martin Walser, zu publizieren und schrieb beharrlich an seinem eleganten, in kein Raster passendes Werk weiter. Wer Kappachers Bücher, darunter den fein komponierten Hofmannsthal-Roman "Der Fliegenpalast", kennt und nun einen Band mit Erinnerungsprosa in Händen hält, kann sich sicher sein, dass Kappacher auch im Autobiografischen nicht zu voluminösen, selbstgefälligen oder narzisstischen Darstellungen neigen würde.

Bilder kühler Distanz

Und so ist: "Ich erinnere mich und andere Prosa" ein aus kleinen, zum Teil schon vor über zwanzig Jahren entstandenen Miniaturen zusammengefügter Band, der kein durchgängiges Strukturprinzip aufweist. Im Zentrum stehen knapp hundert Seiten mit "Ich erinnere mich" betitelten Erinnerungsfragmenten, um die sich, eher wahllos, andere Schubladentexte ranken. Dazu gehören das "Tagebuch zum 'Land der roten Steine'" aus dem Umfeld des 2012 erschienenen USA-Romans und die Aufzeichnungen "Tage in Calw", die entstanden, als Kappacher 1997 drei Monate lang Stadtschreiber in der Hermann-Hesse-Stadt Calw war.

So wenig überzeugend diese Zusammenstellung, der ein Vor-oder Nachwort einen guten Dienst erwiesen hätte, wirkt, so wenig fallen diese Mängel ins Gewicht, wenn man sich darauf einlässt, mit welcher Intensität Kappacher in "Ich erinnere mich" seine Jugend und seine beruflichen Anfänge erzählt. Ohne einer strengen Chronologie zu folgen, beschwört er die Figuren seiner Eltern herauf, und es ist vor allem die Gestalt des Vaters, die eine beklemmende Eindringlichkeit erhält.

Dieser arbeitete während des Nationalsozialismus für die Landwirtschaftskammer, fungierte später als Viehzuchtinspektor und gab sich schließlich mehr und mehr dem Alkohol hin. Ernsthafte Gespräche mit dem Vater -ein zeit-und generationstypisches Phänomen - scheinen nie stattgefunden zu haben, und so sind es Bilder kühler Distanz, die Kappacher für dieses Verhältnis findet: "Einmal traf ich im Zug meinen Vater, der ebenfalls Richtung Salzburg fuhr. Wir auf zwei Holzbänken gegenüber sitzend. Er hatte ein Augenwern, eine Entzündung an einem seiner Augen, tat mir beinahe leid, seine Macht über mich war im Schwinden."

Auf andere Weise bleibt die Mutter unnahbar, noch in den Stunden, da ihr Leben zu Ende ging: "Wie oft war das: Mama krank, Herzanfall. Sie wollte nur Ruhe. Manchmal öffnete ich unendlich vorsichtig die Tür, schaute zu ihr. Schlief sie oder war sie schon gestorben? Jedenfalls am nächsten Morgen die bange Frage: Hat sie es noch einmal überstanden?"

So distanziert sich Kappacher hier an seine Eltern erinnert, so verhalten auch die Emotion, mit der er sich selbst zum Gegenstand macht. Unsicher, was er aus seinem Leben machen will, sympathisiert er anfangs mit unterschiedlichen Berufen. Zum einen begeistert er sich für Motorräder (was in seinem Roman "Die Werkstatt" Niederschlag fand), liest Fachmagazine und befasst sich mit der Biografie des Rennfahrers Bernd Rosemeyer. Zum anderen jedoch faszinieren ihn die Künste, die Filme, die Literatur, und er überlegt, Schauspieler zu werden.

Erst allmählich erfolgreich

Es dauerte geraume Zeit, bis Kappacher Zutrauen in sein eigenes Schreiben fand. Zuvor war er Angestellter in Reisebüros, ein Brotberuf, der einen speziellen Blick auf die Welt eröffnete. Erst als Mittdreißiger beginnt er zu publizieren, und allmählich stellen sich Anerkennung und erste Erfolge ein. Kappacher wird, wenn auch als Außenseiter, Teil des Literaturbetriebs und macht die Bekanntschaft von Kollegen wie Martin Walser, Karl Heinrich Waggerl, Erwin Chargaff und Wladimir Lindenberg. Auch Thomas Bernhard nähert er sich an; eine kleine, aparte Szene zeigt Kappacher, wie er unangemeldet Bernhard aufsucht und schroff abgewiesen wird.

Walter Kappacher trumpft nicht auf, schmückt sich in seinen Erinnerungen nicht mit seinen Auszeichnungen. Er versucht vor allem festzuhalten, welche Lese- und Bildungseindrücke ihn prägten. Hier freilich waltet letztlich eine zu große Zurückhaltung, denn wenn Kappacher notiert, dass ihn das Werk Saint-Exupérys oder Alfred Hitchcocks Filme "beeindruckten", hätte man gern gewusst, warum. Und so hält er zwar fest, dass er bei einer Jahrestagung des Österreichischen Buchhandels von einem Vortrag des Journalisten und Historikers René Marcic "sehr beeindruckt" ist, doch wiederum bleibt völlig im Vagen, was diese Reaktion hervorrief. Das Ende dieses Abschnitts verzichtet erneut auf Erklärungen: "Erst Jahre später erfuhr ich, dass Marcic -ähnlich wie der von mir bewunderte Autor Emil Cioran -eine dunkle Vergangenheit gehabt hatte."

So führt Verknappung in autobiografischen Texten nicht automatisch zu den gleichen Ergebnissen wie in erzählerischen Arbeiten. Ein Fazit dieser Dezenz gehört dennoch zu den vielsagendsten Ergebnissen der Kappacher'schen Innenschau: "Was ich am besten konnte, war Gehen. Im Nachhinein scheint mir, außer dem Lesen war das Gehen das einzig Bedeutende in meinem Leben." Das zumindest ist, wenn man an Seelenverwandte wie Peter Handke oder Hermann Lenz denkt, eine gute Voraussetzung für ein Schreiben, das sich aus genauer Beobachtung speist.

Ich erinnere mich Und andere Prosa. Von Walter Kappacher Müry Salzmann 2018 200 S., geb., e 24,-

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