Steg  - © Foto: iStock/Lansk

(K)ein sommerliches Drama

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Buchpreis von FURCHE, Stube und Institut für Jugendliteratur

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Buchpreis von FURCHE, Stube und Institut für Jugendliteratur

Ein abgelegener ländlicher Ort, keinerlei Social Media, keine Schule (mehr), sondern tatkräftige Mitarbeit in der Gastwirtschaft der Oma. Das Leben, das die 16-jährige Maserati selbstgewählt führt, ist so ungewöhnlich wie ihr Vorname. Sie ist nicht nur das einzige Mädchen, sondern nahezu die einzige Jugendliche in der Gegend, als eine neue, offenbar sehr wohlhabende Familie mit zwei gleichaltrigen Burschen ins Dorf zieht: Caspar, der plötzlich jeden Morgen nach ihrem morgendlichen Schwimmen im See am Badesteg auf sie wartet und ihren Vornamen liebevoll mit allen erdenklichen Automarken von Smart bis Volkswagen variiert. Und sein Cousin Theo, den Maserati in ihrer trockenen Art als eine „traurige Mischung aus Dracula und Professor Snape“ beschreibt. Auf ihm scheint ein dunkler Schatten zu liegen, und er beschäftigt sich obsessiv mit der Musik auf einer alten Schallplatte, auf deren Cover die beiden Burschen Maserati zu erkennen meinen. Im Text des fiktiven Songs „My girlfriend is a ghost“ meint er prophetische Hinweise auf seine eigenen schmerzlichen Lebenserfahrungen zu lesen.

Geschichten angedeutet

Alina Bronsky lässt sich viel Zeit, um die Geschichten ihrer Figuren zu erzählen beziehungsweise oft nur anzudeuten. Denn es ist nicht wie vermutet Maserati auf dem Schallplattencover, sondern ihre Mutter, mit der sie auch die öfter verwirrte Oma immer wieder verwechselt. Eine Mutter, die viel mit sich selbst und ihrer Modelkarriere beschäftigt war und weniger mit dem Wohlergehen ihrer Kinder, was in der Klatschpresse sensationslustig breitgetreten wurde. Einer Presse, an der wiederum die Familie von Caspar und Theo wirtschaftlich beteiligt ist… Bei aller Schwere der angeschnittenen Themen entspricht die unaufgeregte Grundstimmung des Romans einem Zitat aus dem Text: „Wie gut, dass niemand von uns ein Drama draus macht.“ Nach und nach wird deutlich, wie die Leben der drei jugendlichen Hauptfiguren schon vor Einsetzen der Handlung miteinander verbunden waren — und sich durch die Ereignisse dieses titelgebenden Sommers auf neue und andere Arten weiter verknüpfen. Diesmal jedoch ein Stück mehr selbstbestimmt und weniger als Folge des oft verantwortungslosen Handelns der Erwachsenen. Am Ende steht eine Erkenntnis, die wohl für das Leben gleichermaßen gilt wie für gute Literatur: „Manches muss man einfach so lassen, wie es ist. Ungeklärt, mit Lücken. Was ist das für eine nervige Angewohnheit, alle Geheimnisse aufdecken zu müssen?“

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