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„Respekt für die Schwächen des anderen“

Heinz Zemanek, 90, heimischer Computerpionier der ersten Stunde und Erfinder des legendären Computers „Mailüfterl“ über seinen Freund Konrad Zuse.

Die Furche: Sie sind ein Weggefährte Zuses, waren mit ihm befreundet. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Heinz Zemanek: Ganz einfach: Er war ein Genie. Von seiner Ausbildung her war er ja Bauingenieur. Aber er hat sich im Alleingang in die Computertechnik hineingearbeitet. Und in Europa war er der Erfinder des Computers.

Die Furche: Wann haben Sie Zuse kennengelernt?

Zemanek: Ich hörte schon sehr früh von ihm und stieß auch bald auf seine Publikationen. Unser erstes Treffen war 1955 auf einer Tagung in Darmstadt. Von da an haben wir uns regelmäßig getroffen, er war bei mir, ich war bei ihm. Unsere Beziehung war getragen von gegenseitigem Verständnis und Respekt – auch für die Schwächen des anderen. So tat sich Zuse als Ingenieur nicht sehr leicht mit der Programmierung. Die Software war nicht seine Stärke.

Die Furche: Aber sein „Plankalkül“ war doch immerhin die erste Programmiersprache?

Zemanek: Der „Plankalkül“ war eine Programmiersprache und war auch keine. Zuse hat, seiner Zeit weit voraus, die Berechnung definiert als etwas, wo gemäß präziser Vorschriften Daten aus Eingaben abgeleitet werden können. Von heutigen Programmiersprachen unterscheidet sich das aber deutlich, weil Zuse als Ingenieur in Tabellen und Diagrammen dachte. Der moderne mathematische Ansatz betrachtet Programme demgegenüber als wohldefinierte Zeichenketten. Die erste große Aufgabe des Rechners war aber eben die Berechnung. Deshalb hat sich Zuses Programmiersprache nicht durchgesetzt.

Die Furche: Gibt es Entwicklungen von Zuse, die noch heute Bestand haben, die noch sichtbar sind?

Zemanek: Bis heute? Nun ja, das wäre ein bisschen viel verlangt. Aber nehmen Sie zum Beispiel sein Binäraddierwerk der frühen Rechner. Das wurde in unzähligen Maschinen nachgebaut.

Die Furche: Warum hat Zuse nie die Popularität der amerikanischen Computerpioniere erreicht?

Zemanek: Auch wenn Zuse in vielem früher dran war als die Amerikaner, der Computer wie wir ihn heute kennen, ist trotzdem ein amerikanischer Gegenstand. Hätte es nur Zuse gegeben, hätte es sehr viel länger gedauert, bis der Computer die Bedeutung erlangt hätte, die er heute hat. Die Amerikaner hatten große Teams, dazu die finanziellen und technischen Mittel, um die Entwicklung voranzutreiben. Da war Druck dahinter, denken Sie nur an IBM oder die Bell Laboratories. Auch die einschlägigen Publikationen wurden in Englisch geschrieben. Dem hatte Zuse nicht viel entgegenzusetzen. Deshalb konnte er nie zur Leitfigur der Computerwissenschaft werden.

Die Furche: Hat Zuse die Rolle vorhergesehen, die der Computer eines Tages spielen würde?

Zemanek: Das konnte keiner vorhersehen. Und zwar deswegen nicht, weil man nicht voraussehen konnte, dass die Physiker mit den Schaltkreisen solche Fortschritte machen würden.

* Das Gespräch führte Raimund Lang

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