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Suche nach dem ultimativen Kick

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Was treibt Menschen dazu, an einem Gummiseil in die Tiefe zu springen oder mit Inline-Skatern eine Bobbahn hinunterzurasen? Ist es Wahnsinn oder einfach Freizeitspaß?

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Was treibt Menschen dazu, an einem Gummiseil in die Tiefe zu springen oder mit Inline-Skatern eine Bobbahn hinunterzurasen? Ist es Wahnsinn oder einfach Freizeitspaß?

Tauch ein in die Schwerelosigkeit, frei wie ein Vogel, 110 Kilometer pro Stunde in zwei Sekunden. Erleb die Freiheit in einer neuen Dimension und verlier Dich in der Faszination des freien Falls": das versprechen die Kärntner Betreiber des Jauntal-Bungee-Jumpings allen Abenteuerwütigen und Adrenalinsüchtigen. 96 Meter geht es in die Tiefe, von der Jauntalbrücke direkt auf die Drau zu.

Vom Brückengeländer aus sieht das Schlauchboot unten wie ein kleiner Punkt aus. Man tastet sich langsam die schmale Plattform entlang nach vorne, bis die Zehen über den Rand der Brüstung ragen und das Herz wie wild pocht. Jeder, der einen Blick von der Jauntalbrücke in die Tiefe wirft, empfindet Angst.

Seit 1991 sind von der Jauntalbrücke 16.000 Abenteuerhungrige gesprungen. Nur ein Viertel davon sind Frauen. "Viele Frauen denken an ihre Kinder und wollen sich meist keinem Risiko aussetzen", bedauert Jauntal-Bungee-Jumping-Betreiber Gerhard Grabner, daß sich das Bungee-Jumping zu einer klaren Männerdomäne entwickelt hat. Das in unserer Gesellschaft vorherrschende Rollenverhalten wird hier deutlich sichtbar. Frauen können ihrer Umwelt gegenüber leichter Schwäche oder Angst eingestehen, ohne ihr Selbstwertgefühl zu verlieren. Wenn Männer das machen, werden sie von ihren Geschlechtsgenossen als Feiglinge abgestempelt und geächtet.

Bungee-Jumping versteht sich auch in seinen Ursprüngen als Männlichkeitsritual und kommt aus dem Südpazifik. Dort, auf der Insel Pentecoast, findet jedes Frühjahr ein Fest statt, bei dem die jungen Männer im sogenannten "Landtauchen" ihren Mut unter Beweis stellen müssen. Ein Gerüst aus Baumstämmen und Ästen wird bis zu 30 Meter hoch aufgerichtet. Von einer Plattform stürzen sich die Männer kopfüber in die Tiefe. An ihre Füße sind Lianen gebunden, die dehnbar sind und den Sturz kurz vor dem Boden abfangen. Ziel des Springens ist es, dem Boden, bis auf wenige Zentimeter nahe zu kommen. Wer diese Mutprobe bestanden hat, gehört zum Kreis der Erwachsenen.

Risiko und Sicherheit Der Thrill der Geschwindigkeit weckt unbewußte kindliche Größenphantasien in uns. Es befriedigt uns, eine Situation, die das Gehirn als gefährlich einstuft, zu meistern. Wenn wir hohe Geschwindigkeiten bewältigen, erreichen wir einen "Flow-Zustand" - einen selbstvergessenen Glückszustand - wie Psychologen dieses Gefühl umschreiben. Der Körper schüttet körpereigene Drogen aus, die uns in eine entspannte Euphorie versetzen. Wir fühlen uns größer, stärker und unbesiegbarer, wenn wir die Angst überwunden und uns dem Geschwindigkeitsrausch hingegeben haben. Sich rasend schnell zu bewegen macht uns Angst - aber diese Angst zu bewältigen, ist lustvoll.

Bungee-Jumping gilt in Österreich als relativ sicheres Abenteuer. In Österreich verletzen sich von jährlich 10.000 Bungee-Jumpern "nur" zehn bis zwanzig. Sicherheit wird hier sehr groß geschrieben, die Gummiseile müssen einer sechsfachen Belastung, die im Extremfall auftreten kann, standhalten.

Obwohl wir ganz eindeutig nach Sicherheit streben - uns ist die Sicherheit des Arbeitsplatzes, Sicherheit in der Ehe und in der Altersversorgung sehr wichtig - so gehen viele Zeitgenossen doch auch erstaunliche Risiken ein. Wir begeben uns auf Abenteuertrips unterschiedlichster Art. Wir suchen das Risiko - um Sicherheit zu gewinnen. Das klingt paradox, ist aber so. Es sind ja keineswegs immer nur sportliche Abenteuer, die uns faszinieren. Wir reisen in fremde Länder, um das Unbekannte kennenzulernen. So wird es uns bekannt und die Unsicherheit verwandelt sich in Sicherheit. Wir lösen Probleme, damit wir keine Probleme mehr haben. Bewältigung von schwierigen Situationen löst Lust in uns aus.

Jeder Sport kann normal oder extrem ausgeübt werden. So kann Inline-Skaten bei "Normalbetrieb" ein sehr gesunder Sport sein, da er die Gelenke kaum belastet und die Muskulatur und Kondition aufgebaut wird. Aber auch hier gibt es Menschen, die auf der Suche nach dem emotionalen "Over-Kick" bis an ihre äußersten körperlichen und geistigen Grenzen gehen. Hierher gehört das tollkühne Inline-Skating in den Betonrinnen abgebauter Bobbahnen, wo mit 100 Kilometer pro Stunde die Bahn in knapp einer Minute hinuntergerast wird.

Die körperlichen Anforderungen an die Sportler sind dabei fast übermenschlich. Die Rennfahrer gehen die Strecke zuerst von unten hinauf gemeinsam zu Fuß ab, um jede Kurve kennenzulernen. Die Bobbahn wird also zuerst im Kopf durchgefahren, bevor man sich auf den Beton wagt. Die Fahrer wissen, wann und wo eine Kurve zu fahren ist, denn wer die Bobbahn von oben betritt, für den gibt es kein Zurück mehr, da Bremsen unmöglich ist. Dieser Nervenkitzel hat es vielen Extremsportlern angetan. Verletzungen an Ellenbogen, am Gesäß und an den Schultern sind bei ihnen an der Tagesordnung. Auch wenn sich die Sportler mit Dingen wie Brustpanzer, Wirbelschutz, Steißbeinschutz, Handgelenkschützer, Knie- und Ellenbogenschützer sowie gepolsterten Eishockeyhosen zu schützen versuchen, fragt man sich doch, ob dabei nicht auch eine Portion Leichtsinn die Bobbahn hinunterrast?

Allen diesen waghalsigen Sportarten scheint eines gemeinsam zu sein: Wer sich in eine vermeintlich waghalsige Situation begibt, sehnt sich letztlich doch immer nach der inneren Ruhe, die er nach der Bewältigung verspürt.

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