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Verstörende Lektüre

Marcel Mörings Roman "Mendel".

Der Niederländer Marcel Möring hat mit "Mendel" ein verstörendes Buch geschrieben, ein Buch mit bitteren Einblicken, mit verzweifelt poetischen Sätzen "prall vor Ohnmacht". Ein Buch, bei dem der Enthusiasmus der Schöpfung nur mehr in einem Punkt spürbar wird. Gott redet und das war der Anfang, "denn das Wort ist der Anfang".

Reden ist also ein Teil der Schöpfung. Mendel, die Hauptperson, redet auch, zumindest am Beginn. Mendel ist Jude, in der zweiten Generation nach der Massenvernichtung. Die Restfamilie lebt in den Niederlanden, die Mutter geht nach Palästina und lässt den Sohn zurück.

Es ist nicht nur das Verschwinden der Juden aus der heimatlichen Welt, das sich am Beispiel dieser Familie vollzieht, denn der Großvater versteinert und Mendel verliert jegliche Verbindung zur Realität, es ist auch die Verzweiflung an der Welt. Warum lebe ich überhaupt? Zusehen ist zu wenig, aber was gilt es zu tun? Mendel hat eine Vergangenheit, keine Zukunft und kaum Gegenwart, er ist "die letzte Ausstülpung einer längst abgeschlossenen Geschichte".

Mendel wehrt sich, dass das gesamte Bezugsystem seiner Familie und seines Volkes verseucht ist vom Krieg. "Was ist unsere Theologie. Sechs Millionen. Die Verfolgung."

Er hadert mit dem Leben, er hadert mit Gott, führt Doppelexistenzen, sucht seine Zuflucht in der Literatur ("Gedichte gehen ihm durch den Kopf, kommen hoch wie kochende Milch. Ich habe nichts notiert, ich hörte zu wie es verschwand.") Mendel trifft auf Anna, die Tochter aus reichem Haus, deren Eltern aus den Kolonien kamen. Beide sind und bleiben Fremde, für beide gibt es kein Zusammenkommen.

Mendel macht Flecken auf die Stille und erzählt sich eine Geschichte, er versucht mit dem Denken die Leere zu füllen. Er definiert das Verhältnis zwischen Christentum und Juden so scharf, wie es nur ein Grenzgänger tun kann: "zwischen der geistigen Welt der Juden und jener der Christen liege Brachland, ein großes, offenes, verwildertes Gelände. Bei klarem Wetter konnte man einander sehen, manchmal gingen auch Rufe hin und her, doch wem käme es {...} in den Sinn, auf diesem Brachland wohnen zu wollen?"

Mendel

Roman von Marcel Möring

Aus dem Niederländ. von Helga von Beuningen. Luchterhand Verlag, München 2003. 222 Seiten, geb., e 19,60

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