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Wohlgeplante Erregung

"Popetown" wurde von den Marketing-Strategen von MTV zum Skandal hochgepäppelt. Kirchliche und konservative Kreise spielten ihre Rolle dabei brav mit.

These I: Ohne die Auseinandersetzungen um die Mohammed-Karikaturen wäre der Wirbel um die britische Zeichentrickserie Popetown, die der Musiksender MTV ins Programm genommen hat (ob er sie nach der ersten Folge weiter ausstrahlt, war bei Furche-Redaktionsschluss noch nicht klar), kaum so heftig geworden, wie er in Deutschland ausgeufert ist. Das globale Meinungsklima ist zur Zeit jedenfalls so, dass auch auf christlicher Seite diejenigen, die lange geschwiegen haben, spüren, ihr Anliegen taugt wieder zur öffentlichen Diskussion: Wenn man den Muslimen zugesteht, dass ihre religiösen Gefühle zu achten sind, dann hat das für Christen im Abendland nicht minder zu gelten. Bischöfliche Ordinariate wetterten gegen die Vatikan-Verächtlichmachung, der Versuch, die Ausstrahlung der ersten Folge per einstweiliger Verfügung gerichtlich zu unterbinden, scheiterte; und die fürs Erheben von Blasphemie-Vorwürfen prädestinierte Partei, die CSU also, rief nach einem Verbotsgesetz.

Das Skandal-Inserat

These II: Ohne die Verpackung wäre der Skandal kein solcher geworden. Eigentlich war es das Inserat zur Sendung, die mit derselben eher wenig zu tun hat, welche die (katholische) Empörung hatte hochkochen lassen: Ein lachender Jesus mit Dornenkrone und Wundmalen vor dem leeren Kreuz im Fernsehsessel und darüber der Text: "Lachen statt rumhängen." MTV ließ sich durch den Entrüstungssturm beeindrucken und setzte die Inseratenkampagne ab.

These III: Der Skandal-Hype rund um Popetown war wohlinszeniert und-dosiert. Das Marketing von MTV zielte auf Provokation, und jede entsprechende Reaktion gab den Strategen Recht: Nein, nicht um Meinungsfreiheit ging es, wie manche weismachen wollten, sondern darum, mit Aufregung das Interesse zuwecken. Die üblichen Verdächtigen spielten mit, der beabsichtigte Effekt wurde erreicht. So katapultierte sich MTV im deutschsprachigen Raum in Aufmerksamkeitshöhen, die es mit seinem Normalprogramm nicht erreichte. Religion provokativ lockt die Zuschauer vor den Fernseher, überhaupt, wenn der Sender dem Publikum weismachen kann, die Kritiker hätten die inkriminierte Sendung gar nicht gesehen (was in den meisten Fällen wohl auch stimmte ...). Auch hierzulande referierte die kirchliche Nachrichteagentur Kathpress Promi-Kritik von Leonardo Boff bis Ottfried Fischer. Letzterer hatte zwar der Kirche geraten, nicht durch Kritik indirekt Werbung für Popetown zu machen, aber solche Warnung blieb vergebliche Liebesmüh.

Medienleute, die ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, stellen sich selbiger natürlich, wenn sie Profis sind. Mit entsprechenden Umfragen vor und nach der Ausstrahlung der ersten Folge gespickt (Überraschung! Alle sprachen sich mehr oder weniger deutlich für ein Ausstrahlen der Serie aus ...), ging es eineinhalb Stunden lang um Für und Wider. Mehr Für als Wider, was aber auch daran gelegen sein konnte, dass sich weder Bischofs-noch CSU-Vertreter im MTV-Livestudio blicken ließen; der Vorsitzende der Katholischen Jugend blieb allein auf weiter Flur und versuchte, mäßig erfolgreich, den Spagat zwischen lauer Zustimmung zur bischöflichen Kritik und einer Absage an ein Ausstrahlungsverbot zu schaffen.

Jenseits von Gut und Böse

Und dann das Corpus Delicti: War die erste Folge die Aufregung wert? Kaum. Die Skandalserie entpuppte sich als Hort jener Art britischen Humors (sie wurde ja für die BBC produziert, von dieser, wegen ähnlicher Proteste, aber nie ausgestrahlt), der diesseits des Kanals nicht immer ankommt und resistent ist gegen jede Geschmacksgrenze. Das ist aber auch schon fast alles, was über dieses Zeichentrickwerk zu sagen ist: Die schrille Überzeichnung des Cartoon-Papstes als trotteliger Giftzwerg ist so jenseits von Gut und Böse, dass sich ernsthafte Kritik damit kaum weiter aufhalten müsste.

Wer trotz solcher Respektlosigkeit zum Quadrat nicht gleich weiterschaltete, konnte in der Schrägheit dieses Animationswahnsinns auch manches entdecken, was in der Überzeichnung gar nicht so absurd wirkte: die ekelhafte TV-Nonne, der mehr als bigotte päpstliche Hofstaat oder auch der kumpelhafte britische Geistliche, der eine Truppe Rollstuhl fahrender Kinder durch den Vatikan - äh Popetown - lotst. Wenn schon geschmacklos, dann wäre der Umgang mit den Rollstuhl-Kids im Film mindestens genauso zu qualifizieren wie der Papst als Witzfigur.

Man muss das nicht mögen. Und auch nicht anschauen. Aber Glaubensinhalte werden definitiv nicht verblödelt, auch Gott nicht. Nur des Herrn Bodenpersonal. Kann ja sein, dass solch verquerer Humor nicht auszuhalten ist. Aber Blasphemie? Schwerlich.

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