Cancel-Culture

1945 1960 1980 2000 2020

Karl Kraus hätte heute einen schweren Stand. Er wusste, dass es die Satire mit Glacéhandschuhen und ohne Diskriminierung – also Unterscheidung ihrer Gegenstände – nicht gibt.

1945 1960 1980 2000 2020

Karl Kraus hätte heute einen schweren Stand. Er wusste, dass es die Satire mit Glacéhandschuhen und ohne Diskriminierung – also Unterscheidung ihrer Gegenstände – nicht gibt.

Unlängst habe ich mir von der Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski erklären lassen, was „Cancel-Culture“ ist: „Leute erkennen ein diskriminierendes Verhalten, etwa Frauenhass oder Antisemitismus, und kritisieren das.“ Weiter nichts? Na ja, diese Leute üben schon einen gewissen moralischen Druck aus, „in Einzelfällen verlieren die Kritisierten dadurch einen Job“. Trotzdem ist „Cancel-Culture“ für Stokowski ein Unwort für eine bloß „vermeintliche Bedrohung von links“, für eine Verschwörungstheorie. Man stelle sich vor, es ginge um Leute, die ein Verhalten oder Kunstwerk als gotteslästerlich, unpatriotisch oder obszön erkannt haben und kritisieren, was zur Folge hätte, dass Bücher von Listen gestrichen, Auftritte abgesagt und Menschen gekündigt würden.

Selbstverständlich hieße das im demokratischen Diskurs Meinungsterror und Zensur. Und wenn Viktor Orbán missliebigen Theatermachern den Geldhahn zudreht, dann würde man kaum – wie der „Generaldirektor“ der „Jüdischen österreichischen HochschülerInnen“ im Falle von Lisa Eckhart im Standard – befinden: „Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist kein Recht auf eine Plattform.“ Es gibt halt bitte schon einen Unterschied zwischen Kritisieren und Ausladen-, Mundtotmachen-, Ächten-, Abschaffen-Wollen. Wer Meinungsvielfalt will, der muss den Regelverstoß aushalten, gerade bei der Satire. Man darf nämlich erwarten, dass ihr an den „Letzten Tagen der Menschheit“ oder am „Herrn Karl“ geschultes Publikum versteht, was Rollenprosa ist. Dann kann man immer noch über deren Gelungensein streiten. Karl Kraus hätte heute einen schweren Stand. Er wusste, dass es die Satire mit Glacéhandschuhen und ohne Diskriminierung – also Unterscheidung ihrer Gegenstände – nicht gibt: „Der Satire Vorstellungen machen, heißt die Verdienste des Holzes gegen die Rücksichtslosigkeit des Feuers ins Treffen führen.“

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.

Unlängst habe ich mir von der Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski erklären lassen, was „Cancel-Culture“ ist: „Leute erkennen ein diskriminierendes Verhalten, etwa Frauenhass oder Antisemitismus, und kritisieren das.“ Weiter nichts? Na ja, diese Leute üben schon einen gewissen moralischen Druck aus, „in Einzelfällen verlieren die Kritisierten dadurch einen Job“. Trotzdem ist „Cancel-Culture“ für Stokowski ein Unwort für eine bloß „vermeintliche Bedrohung von links“, für eine Verschwörungstheorie. Man stelle sich vor, es ginge um Leute, die ein Verhalten oder Kunstwerk als gotteslästerlich, unpatriotisch oder obszön erkannt haben und kritisieren, was zur Folge hätte, dass Bücher von Listen gestrichen, Auftritte abgesagt und Menschen gekündigt würden.

Selbstverständlich hieße das im demokratischen Diskurs Meinungsterror und Zensur. Und wenn Viktor Orbán missliebigen Theatermachern den Geldhahn zudreht, dann würde man kaum – wie der „Generaldirektor“ der „Jüdischen österreichischen HochschülerInnen“ im Falle von Lisa Eckhart im Standard – befinden: „Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist kein Recht auf eine Plattform.“ Es gibt halt bitte schon einen Unterschied zwischen Kritisieren und Ausladen-, Mundtotmachen-, Ächten-, Abschaffen-Wollen. Wer Meinungsvielfalt will, der muss den Regelverstoß aushalten, gerade bei der Satire. Man darf nämlich erwarten, dass ihr an den „Letzten Tagen der Menschheit“ oder am „Herrn Karl“ geschultes Publikum versteht, was Rollenprosa ist. Dann kann man immer noch über deren Gelungensein streiten. Karl Kraus hätte heute einen schweren Stand. Er wusste, dass es die Satire mit Glacéhandschuhen und ohne Diskriminierung – also Unterscheidung ihrer Gegenstände – nicht gibt: „Der Satire Vorstellungen machen, heißt die Verdienste des Holzes gegen die Rücksichtslosigkeit des Feuers ins Treffen führen.“

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.

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