Federspiel

Ohne Furcht und Tadel

1945 1960 1980 2000 2020
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Im Jahr 1993 fand im Kunsthaus Mürzzuschlag ein Symposion statt, an dem die Crème de la Crème der ungarischen ­intellektuellen und literarischen Welt teilnahm, darunter György Dalos, István Eörsi, Péter Ester­házy, Imre Kertész, Ferenc Fehér – und dessen Frau Ágnes Heller. Als das Programm feststand, ließ der Bildungsminis­ter der christlich-konservativen Regierung, An­tall, uns, das Organisationsteam, wissen, das sei ja schön und gut, aber er ­frage sich, warum wir lauter Juden eingeladen hätten, es gebe schließlich genügend ungarische Autoren.

Ágnes Heller, damals 74, war keine Philosophin im Ruhestand, sie war hellwach, spöttisch, geistsprühend, voll Witz und von selbstverständlichem Eigensinn inmitten der Herrenrunde. Ihre Sprache war Englisch, nicht Deutsch, was sie aber nicht daran hinderte, auf deutsch vorzutragen und zu debattieren, beherzt, pointiert, feurig, fehlerhaft und für alle absolut verständlich. 2014 sollte sie ein Buch über „Die Welt der Vorurteile“ veröffentlichen, da hatte sie sich längst als scharfzüngige ­Kritikerin der Regierung Orbán profiliert.

Im kommenden Oktober hätte die 90-Jährige im Grazer Literaturhaus an einer Diskussion über Georg Lukács, ihren verehrten Lehrer, mitwirken sollen. Vielleicht hätte die Feministin der Praxis dort auch ihren Mitschüler zitiert: „Wie gescheit du doch bist, obwohl du ein Mädchen bist.“ Und sie darauf: „Das ist so, als würdest du sagen: Wie gut du doch Fahrrad fahren kannst, obwohl du ein Affe bist.“
Bei unserer letzten Begegnung vor vier Jahren erzählte sie, dass sie in Budapest in einen Neubau gezogen sei, um täglich in der Früh schwimmen zu können. Da habe sie die besten Einfälle. Darf man im Fall einer Atheistin Rilke zitieren? „O Herr, gib jedem seinen eignen Tod.“ Am Freitag ist Ágnes Heller in den Plattensee hinaus­geschwommen und nicht wiedergekehrt.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin