Kindererziehung: Raffinierte Masche

1945 1960 1980 2000 2020

Was es braucht, um ein Kind großzuziehen, erklärt Brigitte Quint in ihrer neuen Quint-Essenz.

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Was es braucht, um ein Kind großzuziehen, erklärt Brigitte Quint in ihrer neuen Quint-Essenz.

Ein Kind großziehen ist wie ein Fass ohne Boden. Hat es das eine gelernt, steht schon das Nächste an. Jüngst zeigte mir mein Mann ein Schreiben, das seit Mai – also seit der Schulanmeldung – in unserem Arbeitszimmer herumliegt. Weitgehend unbeachtet, gebe ich zu. Jedenfalls ist darauf Spiegelstrich für Spiegelstrich aufgelistet, was mein Kind bis Schulantritt zu können hat. Etwa „Mit der Schere hantieren“. Null Problemo. Oder „Mit Messer und Gabel essen“. Geschenkt!

Dann lese ich: „Eine Masche mit den Schuhbändern binden“. Mir fällt die Kinnlade runter. Dieses Schlamassel habe ich einem Schweizer zu verdanken. Georges de Mestral. Jedenfalls soll der 1941 mit seinem Hund spazieren gegangen sein. Nach dem Ausflug fand er auf seiner Jacke und dem Fell des Hundes Rückstände der Butzenklette. Das machte ihn neugierig. Mir wäre das ja schnurzpiepe. Aber bitte, jedem das seine. De Mestral jedenfalls untersuchte die Klettenfrüchte unter dem Mikroskop. Und wurde steinreich. Davon gehe ich zumindest aus. Gefühlt 99 Prozent aller Kinderschuhe haben Klettverschlüsse ...

Dann fahren wir nach Bayern. Mein Kind hat dort vier Cousins. Allesamt fußballnarrisch. Mein Kind läuft nur noch im Trikot herum, steht auf dem Feld. Ich bin entnervt. Die Masche liegt mir wie ein Stein im Magen. Wir haben noch zwei Wochen. Dann schleppt meine Schwester Fußballschuhe an. Die haben Schuhbänder. Sobald er diese zubinden könne, so meine Schwester zu ihrem Neffen, könne er sie behalten. Das lässt sich mein Kind nicht zweimal sagen. Mittlerweile stehen die Fußballschuhe in Wien. In Afrika sagt man: „Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein Dorf.“ Wie wahr. Jetzt sind wir schulreif.

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