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Als Terrorist geboren?

Wie wird man Terrorist? Ein Terrorfahnder, ein ehemaliger Terrorist und der Bruder eines 11.-September-Attentäters geben Antworten auf diese Frage.

Verhindern kann man einen Terroranschlag im Letzten nie und nimmer", erklärt ein österreichischer Terrorfahnder im Gespräch mit der Furche am vergangenen Donnerstagnachmittag. Wie zur Bestätigung des Gesagten hatte sich wenige Stunden vorher ein palästinensischer Selbstmordattentäter in Tel Aviv in die Luft gesprengt. Am Tag darauf explodierte eine Bombe im zweitgrößten Shopping-Center Finnlands und in der Nacht zum Sonntag wurde Bali von verheerenden Terrorakten heimgesucht. "Zu bekommen ist überall alles", antwortet der Staatspolizist auf die Frage, woher der Sprengstoff für derlei Terrorakte kommt. Ohne Schwierigkeiten habe er erst neulich wieder mit einer Scheinbestellung 50 Kilogramm Plastiksprengstoff aus Bratislava erhalten.

Auf die Leute zugehen, eine "Gesprächsbasis schaffen" und "Ansprechpartner bieten", nennt der Beamte, der nicht mit Namen genannt werden will, die einzig wirksame Vorbeugung gegen Terroranschläge. "Die richtigen Leute da müssen mit den richtigen Leuten dort reden", ist der Terrorspezialist überzeugt und fügt hinzu: "Und wir kennen die richtigen Leute."

"Wer oder was ist ein Terrorist für jemanden, der schon über ein Jahrzehnt in diesem Bereich tätig ist?" fragt die Furche schließlich noch den Staatspolizisten. Das Gegenüber zögert. "Terrorist ist eigentlich das falsche Wort", meint er. "Aktivisten in extremen Ausmaßen", diese Bezeichnung gefällt ihm besser und er fügt erklärend hinzu: "Das sind Menschen, die geistig nicht mehr anders können, die müssen hier und jetzt diese Taten setzen."

Vor 20 Jahren gegen Taliban

Besagtes "Jetzt" war für den Pakistaner Akhter Baig der 1. Juli 1984. Und das "Hier" war Österreich, genauer gesagt die Kanadische Botschaft in Wien. Am kanadischen Nationalfeiertag sollte eine Geiselnahme der Ehrengäste für genügend Aufmerksamkeit sorgen, um den Westen auf die Militärdiktatur und fortschreitende Islamisierung in Pakistan aufmerksam zu machen. "Damals hat niemand unseren Warnungen geglaubt", seufzt Baig und schüttelt resignierend den Kopf, " aber heute zittert die ganze Welt vor den Terrordrohungen Bin Ladens und seiner El Kaida." Einschließlich der USA, die in der Zeit, als Baig bereits Islamisten, Mudschahedin und "ihre Kinder", die Taliban, bekämpfte, alle diese noch nach Kräften unterstützt hat.

Akhter Baig war 1977 nach der neuerlichen Machtübernahme durch die Militärs zu Fuß nach Afghanistan geflüchtet. Gemeinsam mit Murtaza Bhutto, dem Sohn des 1979 hingerichteten früheren Ministerpräsidenten Pakistans Zulfikar Ali Bhutto, organisierte und unterstützte er von Kabul aus die Opposition in seiner Heimat. Durch glückliche Umstände vom Austausch gegen afghanische Oppositionelle informiert, konnte er im letzten Moment mit seinen Kampfgefährten vor der drohenden Abschiebung nach Pakistan flüchten. Seine nächste Zuflucht fanden Baig und Kameraden in Syrien, wo sie die Geiselnahme in Österreich vorbereiteten. Die "Gott sei Dank" - so Baig heute - schon im Planungsstadium vereitelt wurde.

Zu 11 Jahren Haft verurteilt

Zu elf Jahren Freiheitsstrafe wurde der heute 58-Jährige verurteilt. Der Chef der Gruppe erhielt 13 Jahre, sieben weitere Mittäter je sieben Jahre aufgebrummt. Dem Auslieferungsantrag nach Pakistan wurde allerdings nicht stattgegeben. Ein Glücksfall für Baig, den ansonsten wohl das Schicksal eines Freundes und Mitstreiters ereilt hätte, der freiwillig in die Heimat zurückgekehrt ist und dort unter bislang ungeklärten Umständen ermordet wurde. Nach seiner Entlassung hat der Pakistani die Sozialakademie besucht und in der Emmaus-Gemeinschaft St. Pölten Unterkunft, Arbeit und schließlich eine neue Heimat gefunden. Heute leitet der gelernte Maschinenbauer eine Kunstwerkstätte und engagiert sich im christlich-muslimischen Dialog.

Bleibt die Frage: "Herr Baig, was macht einen Menschen zum Terroristen?" Sie hätten damals keine andere Wahl gehabt, rechtfertigt er ihren Plan im Rückblick. Pakistan war in dieser Zeit von der Weltöffentlichkeit völlig allein gelassen worden. Er gibt zu, der Hass auf das Militärregime war "grenzenlos". Was Baig auch nach zwei Jahrzehnten noch wurmt: "Wenn der Staat Gewalt anwendet, dann ist keine Rede von Terrorismus. Wenn aber das Volk zu vergleichbaren Mitteln greift, wird das als Terrorismus gebrandmarkt." Dabei seien Armut und Verzweiflung in seiner Heimat und der angrenzenden Region so groß, dass "die Leute für Geld alles machen würden". Er und seine Mitstreiter waren damals allein politisch motiviert, erklärt Baig den Gegensatz zur Gegenwart, in der "die Religion zur wirksamsten Waffe geworden ist". Besonders die Wahabiten - sie und ihre religiöse Doktrin beherrschen Saudi Arabien und ihr Einfluss im ganzen islamischen Raum nimmt zu - sind Baig ein Dorn im Auge. Eine "gefährliche Gruppierung" sagt er, vor der er nur warnen kann.

Wahabitische Verführung?

Mit dieser Einschätzung ist Akhter Baig nicht allein. Auch Abd Samad Moussaoui gibt der wahabitischen Propaganda die Schuld an der Terroristenlaufbahn seines Bruders Zacarias Moussaoui. Diesem wird vorgeworfen, der verhinderte "20. Attentäter" des 11. Septembers gewesen zu sein. Moussaoui hat man einen Monat vor den Anschlägen festgenommen. Er war aufgefallen, weil er sich nur für das Fliegen. nicht aber für das Starten und Landen von Flugzeugen interessierte.

Sein Bruder klagt nun in einem neu erschienenen Buch die "Verführer" seines Bruders an. Kulturelle Entwurzelung, Unkenntnis in Glaubensfragen, Rassendiskriminierung und sozialen Ausschluss nennt Abd Samad als wahrscheinliche Gründe für das Abdriften von Zacarias. Doch letztlich ist der Bruder dem Bruder ein großes Rätsel: "Wie kann nur jemand, der so offen, kommunikativ und herzlich wie mein Bruder ist, der so ehrgeizig seine Diplome vorbereitete und so bestrebt war, aus seinem sozial benachteiligten Milieu herauszukommen, sich so vereinnahmen lassen? Das stimmt mich sehr pessimistisch, denn wenn sie das mit meinem Bruder fertig gebracht haben, sind sie im Stande viele Jugendliche zu überzeugen."

Zacarias Moussaoui, Mein Bruder

Von Abd Samad Moussaoui, Pendo Verlag, Zürich 2002, 184 Seiten, geb., e 14,90

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