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Auf den Spuren von Raoul Wallenberg

1945 1960 1980 2000 2020

Jahrzehntelang wurde der schwedische Diplomat immer wieder angeblich in sowjetischen Schweigelagern gesichtet...

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Jahrzehntelang wurde der schwedische Diplomat immer wieder angeblich in sowjetischen Schweigelagern gesichtet...

Adolf Eichmann wollte ihn umbringen lassen, Stalin tat es dann. Nachdem die Sowjetunion jahrzehntelang ihre Unschuld am Verschwinden von Raoul Wallenberg behauptet hatte, machte sich der Historiker Lew Besymenski auf die Suche nach seinen Spuren. Ulrich Völklein steuerte bei, was im Westen noch aufzutreiben war. Raoul Wallenberg ist heute ein Mythos. Der junge schwedische Diplomat reiste 1944 unter größten Schwierigkeiten in das von der deutschen Wehrmacht besetzte Ungarn und entriss eine große Zahl von Juden der deutschen Mordmaschine. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion wußte man nur, dass ihn die Russen festgenommen, dies aber geleugnet und behauptet hatten, höchstwahrscheinlich hätten ihn ungarische Nazis getötet - dass aber Stalins Botschafterin in Stockholm, die legendäre Alexandra Kollontai, 1947 zugegeben hatte, Wallenberg lebe noch.

Besymenski fand heraus, dass Stalin den prominenten Gefangenen wahrscheinlich in Reserve hielt, um ihn notfalls im Nürnberger Prozess als Zeugen aufmarschieren zu lassen. Bekanntlich hatten die Amerikaner mit Himmlers SS-General Wolff ohne Wissen Stalins über einen Separatfrieden verhandelt, die Gespräche aber abgebrochen, als Stalin davon Wind bekam. Zwei der hochadeligen Onkel Wallenbergs sollten, meinte Stalin, dabei als Vermittler mitgewirkt haben.

Der Retter so vieler Juden musste offenbar aus drei Gründen sterben: Weil ihn Stalin nicht mehr brauchte und schwer ohne Gesichtsverlust heimschicken konnte. Weil Raoul Wallenberg jede Kooperation mit dem sowjetischen Geheimdienst gegen den Westen ablehnte. Aber auch, weil seine Onkel, so Besymenski und Völklein, kein Interesse an seiner Rettung erkennen ließen. Der Bankier Marcus Wallenberg schlug 1947 ein Angebot von US-Präsident Truman aus, der bereit war, selbst bei Stalin zu intervenieren: Sein Neffe sei sowieso "sicherlich tot". Am 17. Juli 1947 wurde dem Minister für Staatssicherheit die Einäscherung einer namenlosen Leiche gemeldet, befehlsgemäß ohne Obduktion. Spätere sichere Spuren Wallenbergs fanden sich nicht.

Die Wahrheit über Raoul Wallenberg. Von Lew Besymenski und Ulrich Völklein. Steidl Verlag, Göttingen 2000 224 Seiten, Tb., öS 145,-/E 10,54

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