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Das Pokerspiel der Diktatoren

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Die andere Perspektive der Geschichtsschreibung.

Eben hat der Meisterpsychologe Hitler den Kommandeur der in Stalingrad eingeschlossenen Sechsten Armee zum Generalfeldmarschall ernannt - in der festen Überzeugung, im Besitz dieser Würde werde sich Friedrich Paulus nicht gefangen geben, sondern erschießen. Nun sehen wir ihn auf einer Aufnahme vom Februar 1943 als Gefangenen. Er hat den neuen Rang sofort in sein Soldbuch eintragen lassen und fordert nun entsprechende Behandlung. Zu befürchten hat er ohnehin nichts. Von den 90.000 in Stalingrad gefangenen deutschen Soldaten überlebten nur 5.000, doch von den 24 Generälen starb in der Gefangenschaft ein einziger - an Magenkrebs.

Im Hintergrund sehen wir den sowjetischen Militärdolmetscher Lew Besymenski, der später Historiker wurde und nun das Buch "Stalin und Hitler" geschrieben hat. Bereits damit, dass Besymenski den Titel des Werks von Alan Bullock "Hitler und Stalin" (so wie schon Sven Allard) umdreht, signalisiert er die andere Perspektive. Er schreibt die bis auf weiteres unsterbliche Geschichte der Beziehung zwischen den Diktatoren aus der Sicht der anderen Seite. Die aber ist noch lang nicht ausgereizt. Hier sei jener Aspekt erwähnt, der angesichts einer speziellen Legendenbildung wichtig erscheint. Die Lesart, Hitler sei bloß Stalin zuvor gekommen, als er die Sowjetunion angriff, wird nämlich noch immer kolportiert und ein in Moskau zum Vorschein gekommener Angriffsplan des späteren Marschalls Schukow gern in diesem Sinn gedeutet.

Nun erfahren wir, dass der deutsche Aufmarsch gegen die Sowjetunion - wie auch anders - deren Militärs längst bekannt war und Schukow die einzige Rettung darin sah, Hitler zuvorzukommen. Mit Stalins Frage, ob er übergeschnappt sei, war der Vorschlag vom Tisch. Der kalt rechnende Stalin hielt es einfach für unmöglich, dass Hitler sich auf den Wahnsinn eines Zweifrontenkrieges einlassen werde. Stalins Nein verhinderte eine noch schrecklichere Niederlage. Schukows Präventivangriff an den deutschen Flanken wäre ohne Treibstoff liegen geblieben, Moskau dafür der deutschen Hauptstreitmacht auf dem Präsentierteller dargeboten worden. Der Zustand der Roten Armee war schlecht, auch deshalb wäre ein Angriff auf Deutschland nicht in Frage gekommen.

Tragisch die Schicksale der sowjetischen Diplomaten, welche die Annäherung an Hitler auf Stalins Order betrieben hatten und später dafür büßen mussten. Für Historiker sind Besymenskis Ausführungen über Stalins persönliches Archiv von besonderem Interesse.

STALIN UND HITLER - Das Pokerspiel der Diktatoren. Von Lew Besymenski,

Aufbau Verlag, Berlin 2002,

488 Seiten, geb., Fotos, e 25,70