Anleitung zum Abschalten

Neulich im Gottesdienst. Der Pfarrer hat eben gerade die Kanzel bestiegen und will den Predigttext verlesen, als im Kirchenschiff ein Handy zu läuten beginnt. Es dauert eine ganze Weile, bis der Gottesdienstbesucher, den ich nicht ausfindig machen kann, sich bequemt, das Gerät abzuschalten. Dann endlich kann der Gottesdienst fortgesetzt werden. Unglaublich, aber wahr: Es vergehen keine fünf Minuten, als das nächste Mobiltelefon die andächtige Stille stört.

Was in jedem Theater oder Konzertsaal selbstverständlich ist, nämlich das heute offenbar unvermeidliche Handy auszuschalten, hat sich offenbar noch nicht bis in jede Kirche herumgesprochen.

Abgesehen davon, dass sich die übrigen Gottesdienstbesucher in ihrer Andacht gestört fühlen, frage ich mich, was in einem Menschen vorgeht, der nicht einmal in der Kirche für eine Stunde ohne sein Mobiltelefon auskommt. Er dürfte die biblische Verheißung: "Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten" (Psalm 50,15) wohl ein wenig missverstanden haben.

Man mag ja über viele Predigten sagen, was man will. Anspruch und Wirklichkeit liegen gerade im evangelischen Gottesdienst, in der Kirche des Wortes, oftmals deprimierend weit auseinander.

Aber wer will, wenn er schon dem Bibeltext nur mit halben Ohr folgt, um ja keinen Anruf zu verpassen, der anscheinend wichtiger als der Anruf Gottes sein könnte, überhaupt heraushören, was dieser ihm zu sagen hat?

Wer ständig erreichbar sein will, ist möglicherweise für Gott im entscheidenden Moment unerreichbar. Wer ständig verfügbar sein will, verliert jeden Sinn für das Unverfügbare.

Die kürzeste Bedeutung des Wortes "Religion", so der katholische Theologe Johann Baptist Metz, lautet: Unterbrechung. Nur wer gelegentlich abschaltet, kann die Freiheit der Kinder Gottes verspüren.

Ulrich H. J. Körtner ist Professor für Systematische Theologie H.B. an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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