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"Evolution widerspricht dem Alltagsverständnis"

Ulrich Kattmann studierte Evangelische Theologie und Biologie. Als Professor für Biologie-Didaktik beschäftigte er sich auch mit der Frage, wie Schöpfung und Evolution am besten zu unterrichten sind.

Die Furche: Herr Professor, ist der Kreationismus eine reale Gefahr?

Ulrich Kattmann: Er wird zu einer Gefahr, wenn wir uns genauso eifernd dagegen stellen. Denn dann wird Wissenschaft zur Ideologie.

Die Furche: Provokant gefragt: Wird Wissenschaft nicht vielfach so an den Schulen unterrichtet - autoritär und ohne dass ein Zweifel möglich ist?

Kattmann: Ich muss zugeben: Leider ja. Der eigentliche Charakter von Wissenschaft wird zu wenig betont. Der Kreationismus etwa richtet sich seine Fakten so, dass sie zur Bibel passen. Die Wissenschaft ist da prinzipiell völlig anders: Sie bietet Hypothesen oder Theorien an, die widerlegt werden können. Manche sagen "nur" eine Theorie. Aber das ist falsch. Theorien sind das beste, was wir haben.

Die Furche: Zur Evolutionstheorie. Warum ist sie so schwierig zu verstehen?

Kattmann: Aus einem einfachen Grund: Evolution widerspricht zunächst dem Alltagsverständnis. Wir sehen ja lediglich die Endprodukte der Natur und die sind sehr komplex. Unsere spontane Reaktion darauf ist, dass etwas so Komplexes - wie das Auge etwa - nicht durch Zufall entstanden sein kann.

Die Furche: Ist es ja auch nicht.

Kattmann: Richtig. Evolution ist nicht gleich Zufall, hat aber eine Zufallskomponente.

Die Furche: Die Wunderwerke der Natur lassen uns auch intuitiv auf einen Urheber schließen …

Kattmann: Ja, William Paley prägte etwa die Rede von Gott als Uhrmacher der Welt.

Die Furche: Das ist offensichtlich keine evolutionsbiologische Sichtweise, aber ist sie falsch?

Kattmann: Wir wissen nicht, was Gott will. Diese These kann die Biologie nicht behandeln - weder bestätigen noch widerlegen. Aber die Evolutionstheorie bietet eine originelle Erklärung für die Entwicklung des Lebens, die ohne die Annahme eines Willens auskommt.

Die Furche: Wie kommt man nun vom Alltagsverständnis zur wissenschaftlichen Sichtweise?

Kattmann: Man muss die Alltagsvorstellungen explizit machen - und ein anderes attraktives Erklärungsmodell anbieten. Ich habe mit Schülern oft die Genesis gelesen, weil diese Ordnung der Welt ihrem Verständnis sehr nahe kommt. Die Geschöpfe werden nach Lebensbereichen eingeteilt: jene des Himmels, auf dem Land und im Wasser. Vögel und Schmetterlinge gehören so zusammen.

Die Furche: Die Biologie ordnet die Lebewesen aber anders …

Kattmann: … weil sie neue Kriterien einführt und die Entstehungsgeschichte berücksichtigt. Die Wale sind keine Fische mehr, sondern etwa Säugetiere - obwohl sie kein Fell besitzen.

Die Furche: Aber das steht dann doch im Widerspruch zur Bibel!

Kattmann: Ich halte es hier mit dem jüdischen Theologen Pinchas Lapide: Man kann die Bibel entweder wörtlich nehmen oder ernst nehmen, beides zugleich geht nicht. Wer sie wörtlich nimmt, muss auch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist.

Die Furche: Aber enthält die Genesis denn keine Kosmologie?

Kattmann: Nein, sie ist kein naturwissenschaftliches Lehrbuch. Bereits der Kirchenvater Augustinus merkte an - sinngemäß: Die Bibel ist nur dort verbindlich, wo es um das Heil geht; wer etwas über Wissenschaft erfahren will, studiere besser die Griechen. Die Genesis lese ich als eine Lobpreisung Gottes, die gegen das Gilgamesch-Epos geschrieben ist: Sonne, Mond und Sterne sind nicht mehr Götter wie bei den Babyloniern, sondern Lampen.

Das Gespräch führte

Thomas Mündle.

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