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"Gemeinschaft ist immer in Bewegung"

Entscheidungen sind keine Einbahnstraße, sie erwachsen dem Miteinander-Hören auf das, was Gott will. Basis für allen Gehorsam ist das Vertrauen, das man auch in seine Leiterinnen hat. (Sr. Joanna)

Gemeinschaft hält": Mit diesem Motto setzen sich die österreichischen Ordensgemeinschaften auseinander. Und unter diesem Slogan sind sie zurzeit auch in der Öffentlichkeit präsent. Ein Thema, das zu den Ur-Eigenschaften christlicher Orden gehört: Das Leben von Ordensleuten ist von Gemeinschaft bestimmt. Trägt das wirklich? Hält das tatsächlich?

Für Joanna Jimin Lee, die der Gemeinschaft der "Missionarinnen Christi" angehört, ist klar: "Es gibt einen Grund, dass ich so lebe. Das Leben in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten gibt mir Kraft für ein Leben in enger Beziehung mit Jesus." Und Birgit Kopf, Postulantin, das heißt, sie absolviert bei den Missionarinnen Christi gerade eine - salopp gesagt -Schnupperlehre, ergänzt, wie wichtig Gemeinschaft auch für sie ist: "Gemeinschaft hält strukturell", sie gewährleiste die Ordnung, die zum Leben auch nötig ist.

Gemeinschaft will erlernt sein

Schwester Joanna wie Postulantin Birgit betonen, dass Gemeinschaft für sie ein Ideal ist, das nicht immer gelingt, aber den Orientierungsrahmen bildet: "Gemeinschaft ist nie fertig, sondern immer in Bewegung." Gemeinschaft bleibe nur dann Gemeinschaft, wenn sie sich ständig darum mühen.

Aber dieses Bemühen fällt nicht vom Himmel. In einer Ordensgemeinschaft leben will "erlernt" und vor allem eingeübt sein. Postulantin Birgit Kopf beginnt gerade diese Ausbildung, die bei den Missionarinnen Christi alles in allem achteinhalb Jahre dauert. Sie vergleicht diese Zeit mit einer Verlobungszeit, wobei -wie jeder Vergleich -auch dieser hinkt: Denn wer verlobt sich schon für fast zehn Jahre?

Natürlich geschieht das alles in Stufen, es gibt zeitliche Gelübde, erst am Ende dieses Prozesses bindet sich die Ordensangehörige fürs restliche Leben -"Lebensweihe" heißt das bei den Missionarinnen Christi. Immer wieder, erzählt Birgit Kopf, wird abgeklappert: "Passen wir zusammen?" Und es ist eine Entscheidung, die von beiden Seiten - der Ordensgemeinschaft und der einzelnen Schwester -frei getroffen wird. Eben darum nimmt man sich so lange Zeit.

Die Missionarinnen Christi sind ein junger und kleiner Orden -sie wurden erst 1956 gegründet. Im deutschen Sprachraum gibt es etwa 90 Schwestern, die in kleinen Gemeinschaften, "Lebensgruppen" genannt, miteinander leben.

In der Wiener Lebensgruppe ist Birgit Kopf nun mit dabei. Sie ist durch das "Freiwillige Ordensjahr"(vgl. FURCHE 47/2017) auf die Missionarinnen Christi gestoßen und entdeckt hier im Zusammenspiel von Gemeinschaft, einer intensiven Beziehung zu Jesus sowie dem Ordenscharisma, als "Missionarin" in der Gesellschaft tätig zu sein, die Lebensform, auf die sie sich einlassen will.

In der Ordenslandschaft stehen die Missionarinnen Christi Gemeinschaften mit ignatianischer Spiritualität nahe, die auf Ignatius von Loyola (1491-1556), den Gründer der Jesuiten, zurückgeht. Die Schwestern tragen weder Schleier noch Tracht -und sie gehen einem "normalen" Beruf nach. Auch das gehört zum Charisma dieser Gemeinschaft.

Birgit Kopf etwa unterrichtet Deutsch an einer Handelsakademie in Wien-Floridsdorf. Nur für das zweijährige Noviziat, die nächste Stufe der Ordensausbildung, wird sie keinen externen Beruf ausüben.

Schwester Joanna gehört schon fünf Jahre zu den Missionarinnen Christi. Und sie ist Konzertpianistin. Nach dem Studium in Wien und künstlerischer Tätigkeit in ihrer Heimat Südkorea ist sie nach Österreich zurückgekommen, um Missionarin Christi zu werden.

Schwester Konzertpianistin

Das Pianistinnendasein als Einzelgängerin hat Schwester Joanna nicht gereicht, sie wollte darüber hinaus die befreiende Botschaft Jesu hinaustragen - nicht nur, aber auch durch ihr Klavierspielen. Pianistin ist Schwester Joanna also geblieben, sie hat aber weitere berufliche Standbeine: So arbeitet sie als Seelsorgerin in der Katholischen Hochschulgemeinde für die Studierenden an den Musikuniversitäten. Eine Idealbesetzung, kann Schwester Joanna doch ihre eigenen Erfahrungen des speziell schweren Musikstudiums und die Kenntnis des Musik-und Konzertbetriebs danach auch in die Arbeit mit den jungen Musikerinnen und Musikern einfließen lassen.

Außerdem gehört Schwester Joanna zum Team des Informations-und Begegnungszentrums "Quo vadis?", das die Ordensgemeinschaften in der Wiener Innenstadt - zwischen Stephansplatz und Wollzeile gelegen -betreiben.

"Musik ist ein Teil von mir", sagt Schwester Joanna: "Die Kraft der Musik ist für mich befreiend." Und sie setzt hinzu, dass sie da etwas ähnlich Befreiendes verspürt wie durch das Wirken des Heiligen Geistes. Diese beiden Pole in sich kann sie durch das Leben in der Ordensgemeinschaft für ihr Leben und für ihre Arbeit fruchtbar machen.

Bei den Missionarinnen Christi erfährt Schwester Joanna, dass ihre Persönlichkeit wertgeschätzt wird. Ihre Spiritualität lebt sie in der Gemeinschaft, aber dabei geht es "nicht um Gleichförmigkeit, sondern auch um Vielfalt".

Herausforderungen und Konflikte

Aber so sehr die Gemeinschaft trägt und hält, bleiben Herausforderungen: Es gibt Konflikte auch unter Schwestern, und Ordensfrauen versprechen "Gehorsam", das heißt, die Entscheidungen ihrer Oberen - bei den Missionarinnen Christi heißen sie "Leiterinnen" - sind zu akzeptieren. Das ist nicht immer einfach.

Schwester Joanna weist auf die flachen Hierarchien in ihrer Gemeinschaft hin: Entscheidungen seien keine Einbahnstraße, "sondern erwachsen einem Miteinander-Hören auf das, was Gott will". Und letztlich sei die Basis für allen Gehorsam das Vertrauen, das man zueinander und auch in seine Leiterinnen habe. Bei Konflikten greife man auch auf die Instrumentarien, die die Humanwissenschaften entwickelt haben, zurück.

Postulantin Birgit Kopf bringt das auf einen praktischen Punkt: Zunächst versuche man, Konflikte zu zweit zu lösen, dann in der Lebensgruppe, und wenn es dort nicht lösbar sei, dann werde die Regionalleiterin, die in München sitzt, involviert. Jedenfalls, so Birgit Kopf, lerne man im Noviziat intensiv mit Konflikten umzugehen und vor allem, wie Versöhnung stattfinden könne.

Für Schwester Joanna wie für die Postulantin bleibt das Leben in Gemeinschaft ein Angelpunkt, um den Herausforderungen standzuhalten. Birgit Kopf: "Wenn ich zweifle, ob meine Kräfte reichen, die Welt ein bisschen heiler zu machen, dann hilft mir die Gemeinschaft." Sie hält, könnte man auch sagen.

www.missionarinnen-christi.de

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