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Kurt Kotrschal: Kein Alpha-Tier!

Kurt Kotrschal weiß ganz genau, wovon er spricht. Auch im wissenschaftlichen Getriebe wollte er nie zum diktatorischen Leitwolf werden. Denn die Zeit der autoritären, allwissenden Wissenschafter sei vorbei, so der Wolfsforscher von Ernstbrunn (NÖ).

Seinen mit dem Nobelpreis geadelten Vorgänger im Leitungsamt und Namensgeber der "Konrad Lorenz Forschungsstelle“ in Grünau im Almtal (OÖ) hält der Verhaltensbiologe zwar in Ehren, tritt aber ganz anders auf als weiland Lorenz : Kurt Kotrschal liebt den Diskurs, er beweist, dass man Wissenschaft in der Öffentlichkeit kommunizieren kann, ohne unumstößlich gefasste Wahrheiten zu verkünden. Und er schreibt, Medienarbeit sei eine Bringschuld der Wissenschaft.

Die Fähigkeit zur Fühlungnahme mit der profanen Welt der Laien hat ihm auch den Titel "Wissenschafter des Jahres 2010“ eingebracht. Vergeben wird die Auszeichnung seit 1994 vom illustren "Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten“, dessen Mitglieder es im journalistischen Alltag nicht immer mit einer Klientel zu tun haben, die auch publikumsgerecht auszudrücken vermag, was in der Forschung Sache ist. Umso merkbarer fällt dann einer wie Kotrschal aus dem engen Rahmen der Fachsimpelei, wenn er klarmacht, dass seine Kumpel, die Wölfe, auch irgendwie Menschen sind.

"Wenn man über die Conditio humana besser Bescheid wissen will, arbeitet man besser mit dem Wolf als mit manchem Affen“, sagt der 53 Jahre alte gebürtige Linzer, den als Biologen zunächst so spezialisierte Themen wie die Gehirnstruktur von Schleimfischen umtrieben.

Den Stammbaum nach oben gearbeitet

Lehr- und Forschungsaufenthalte sowie die Habilitation in den USA brachten dann den biologischen Felgaufschwung des 1953 in Linz geborenen, schon früh von Tieren faszinierten Wissenschafters.

Von Fischen über Graugänse und Raben hat sich Kotrschal in den vergangenen Jahren "den Stammbaum nach oben gearbeitet“, wie er selbst sagt, und ist nun bei den Wölfen gelandet - "weil Wölfe und Menschen ganz ähnlich organisiert sind“. Wie Wölfe würden auch Menschen "sehr nett innerhalb des Clans kooperieren, sind aber sehr hart und grauslich nach außen“.

Als Leiter gleich zweier renommierter Forschungsstellen leistet Kurt Kotrschal nicht nur spannende und profunde wissenschaftliche Arbeit, sondern warb auch zusätzlich zur eher mageren staatlichen Basisfinanzierung erfolgreich drei Millionen Euro Drittmittel ein und zog einen wahren Heuler von Fundraising-Konzept auf: So kann man etwa gegen Spenden Wolfsgeheul als Klingeltöne herunterladen oder Managementkurse im Wolfsgehege buchen.

Das nächste spektakuläre wissenschaftliche Projekt: Ein zehn Meter langes Laufband soll es den Forschern ermöglichen, die soziale Kooperation der Wölfe bei der Jagd zu untersuchen. "Da sind wir die Ersten auf der Welt, die so etwas machen - wie bei vielen anderen Dingen auch“, freut sich Kotrschal, der "Wissenschafter des Jahres 2010.“

Wenn man kooperative Wölfe will, die im Test "Fragen beantworten“, dann darf man sich nicht zum Alpha-Tier im Rudel entwickeln. Das gilt wohl auch für Kurt Kotrschal, den Verhaltensbiologen und Zoologen an der Universität Wien. Sonst wird man am Ende herausgefordert.

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