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Feuilleton

Ein Bild und vielstimmiges Staunen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Es beginnt mit staunenden Blicken. Mit der Wirkung eines Bildes in den Gesichtern seiner Betrachter. Regisseur José Luis López-Linares filmt Museumsbesucher, die vor Hieronymus Boschs "Garten der Lüste" stehen -und schauen und schauen. Ein passender Zugang, angesichts eines Gemäldes, das seit Jahrhunderten fasziniert und nie zu Ende interpretiert sein wird, bei dem derart viel zu sehen ist - und trotzdem so viel nicht zu sehen ist.

Diese Wechselwirkungen -vom Bild zum Betrachter und retour - sind es, die López-Linares interessieren und die in ihrer Pluralität die Wahrnehmung dessen, was man da sieht, erweitern. Daher spricht er mit Schriftstellern (darunter Salman Rushdie, Cees Nooteboom, Michel Onfray), Sängerinnen, Historikern, Konservatorinnen, Künstlern. Was sie im Garten der Lüste entdecken, was sie über ihn erzählen, lässt ständig anderes sehen und ständig anders.

In und unter das Gemälde

Eine passende Vorgangsweise, sich der Vielschichtigkeit dieses einzigartigen Kunstwerks zu nähern, dessen Titel ironisch anmutet, denn da sind durchaus nicht nur Lüste zu sehen (und diese oft bloß in grandiosen Anspielungen, da liegt etwa ein Paar in einer Muschel oder eine Hand auf einem Fisch, während man nur ahnen kann, was die andere gerade tut), sondern auch sehr viel Gewalt. Die Kamera führt an die Details heran, und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, selbst wenn man das Bild schon zu kennen meint. Die Noten, die auf ein Hinterteil gemalt sind, kann man singen, sagt der Musiker und singt sie vor. Gott sieht im Paradies aus wie Christus und hält Eva wie ein Bräutigam an der Hand -er blickt mich an, sagt der Schriftsteller.

Die Kamera führt dabei so nahe, dass man den feinen Pinselstrich sieht, mit dem Bosch gearbeitet hat; sie blickt sogar unter das Gemälde und zeigt, was Hieronymus Bosch ursprünglich im Sinn hatte und wie er es dann, warum auch immer, übermalt hat. Gespräche und Detailaufnahmen werden von Musik begleitet, die bewusst nicht in Boschs Zeit bleibt, so wie auch das Gemälde selbst geradezu gegenwärtig wirkt. Jacques Brel, Arvo Pärt, Elvis Costello und Lana del Rey ertönen da und betonen ihrerseits die Vielschichtigkeit des Bildes. Und seine unfassbare Aktualität.

Vor Bosch-Bildern wimmelt es immer, wie in seinen Bildern selbst, vor allem aber in diesem Jubiläumsjahr. Wer sich nicht im Museo del Prado drängeln möchte, setze sich also ins Kino. Das Geheimnis des "Gartens der Lüste" wird in diesem Film nicht gelöst, ganz im Gegenteil, es wird größer.

Hieronymus Bosch -Der Garten der Lüste (El Bosco. El jardín de los sueños) E/F 2016. Regie: José Luis López-Linares. Polyfilm. 83 Min. Ab 11.11. im Kino.

Es beginnt mit staunenden Blicken. Mit der Wirkung eines Bildes in den Gesichtern seiner Betrachter. Regisseur José Luis López-Linares filmt Museumsbesucher, die vor Hieronymus Boschs "Garten der Lüste" stehen -und schauen und schauen. Ein passender Zugang, angesichts eines Gemäldes, das seit Jahrhunderten fasziniert und nie zu Ende interpretiert sein wird, bei dem derart viel zu sehen ist - und trotzdem so viel nicht zu sehen ist.

Diese Wechselwirkungen -vom Bild zum Betrachter und retour - sind es, die López-Linares interessieren und die in ihrer Pluralität die Wahrnehmung dessen, was man da sieht, erweitern. Daher spricht er mit Schriftstellern (darunter Salman Rushdie, Cees Nooteboom, Michel Onfray), Sängerinnen, Historikern, Konservatorinnen, Künstlern. Was sie im Garten der Lüste entdecken, was sie über ihn erzählen, lässt ständig anderes sehen und ständig anders.

In und unter das Gemälde

Eine passende Vorgangsweise, sich der Vielschichtigkeit dieses einzigartigen Kunstwerks zu nähern, dessen Titel ironisch anmutet, denn da sind durchaus nicht nur Lüste zu sehen (und diese oft bloß in grandiosen Anspielungen, da liegt etwa ein Paar in einer Muschel oder eine Hand auf einem Fisch, während man nur ahnen kann, was die andere gerade tut), sondern auch sehr viel Gewalt. Die Kamera führt an die Details heran, und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, selbst wenn man das Bild schon zu kennen meint. Die Noten, die auf ein Hinterteil gemalt sind, kann man singen, sagt der Musiker und singt sie vor. Gott sieht im Paradies aus wie Christus und hält Eva wie ein Bräutigam an der Hand -er blickt mich an, sagt der Schriftsteller.

Die Kamera führt dabei so nahe, dass man den feinen Pinselstrich sieht, mit dem Bosch gearbeitet hat; sie blickt sogar unter das Gemälde und zeigt, was Hieronymus Bosch ursprünglich im Sinn hatte und wie er es dann, warum auch immer, übermalt hat. Gespräche und Detailaufnahmen werden von Musik begleitet, die bewusst nicht in Boschs Zeit bleibt, so wie auch das Gemälde selbst geradezu gegenwärtig wirkt. Jacques Brel, Arvo Pärt, Elvis Costello und Lana del Rey ertönen da und betonen ihrerseits die Vielschichtigkeit des Bildes. Und seine unfassbare Aktualität.

Vor Bosch-Bildern wimmelt es immer, wie in seinen Bildern selbst, vor allem aber in diesem Jubiläumsjahr. Wer sich nicht im Museo del Prado drängeln möchte, setze sich also ins Kino. Das Geheimnis des "Gartens der Lüste" wird in diesem Film nicht gelöst, ganz im Gegenteil, es wird größer.

Hieronymus Bosch -Der Garten der Lüste (El Bosco. El jardín de los sueños) E/F 2016. Regie: José Luis López-Linares. Polyfilm. 83 Min. Ab 11.11. im Kino.