Patience - © Foto: Filmladen
Film

Viggo Mortensen: „Filme machen heißt reagieren“

1945 1960 1980 2000 2020

Viggo Mortensen im Interview über sein Regiedebüt „Falling“, in dem er über seine eigene Familie reflektiert. Ein Vorgeschmack auf den Film, der 2021 ins Kino kommt.

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Viggo Mortensen im Interview über sein Regiedebüt „Falling“, in dem er über seine eigene Familie reflektiert. Ein Vorgeschmack auf den Film, der 2021 ins Kino kommt.

Ein Regiedebüt, das dem Schauspieler Viggo Mortensen viel Lob eingebracht hat: „Falling“, mit ihm selbst in der Hauptrolle, erzählt von familiären Banden und schließt Mortensens Erinnerungen an seine Jugend und seine Eltern ein. Nicht immer waren diese frei von Konflikten, aber damit geht Mortensen souverän um. Der Lock down hat den Kinostart von „Falling“ ins Jahr 2021 verschoben. Im Telefoninterview mit der FURCHE lässt sich Mortensen dennoch vorab in die Karten schauen.

DIE FURCHE: Mister Mortensen, wie persönlich ist diese Geschichte in Bezug auf Ihre Familie?
Viggo Mortensen: Ich begann, diese Geschichte zu schreiben, nachdem meine Mutter gestorben war. Sie litt etliche Jahre an Demenz und starb 2015. Mein Vater, der zwei Jahre später starb, litt damals ebenfalls unter beginnender Demenz. Ich versuchte, alles aufzuschreiben, woran ich mich erinnerte, in Bezug auf meine Mutter, auf meine Jugend, kleine Schnipsel und Geschichten, Anekdoten aus der Jugend, die jede für sich noch keine Geschichte ergaben, in Summe aber schnell zu einer Art Familienchronik wurden, die sich sehr wohl als Drehbuch erzählen ließ. Ich habe für das Drehbuch die Handlung aber verändert, habe das meiste in einen fiktionalen Rahmen gesteckt, anstatt es autobiografisch zu machen. Das hat den Vorteil, dass man viel freier mit den Geschichten umgehen kann, und zugleich stellte ich sicher, dass in dem Film vor allem die Gefühle und Gerüche, die Bilder und Momente meiner Jugend zu spüren sind. Und so kann ich in diesem vollständig erfundenen Film dennoch meine eigene Seele spüren.

DIE FURCHE: Was erzählt der Film über die Familie und ihren Stellenwert für die Gesellschaft?
Mortensen: Ich glaube, der Film zeigt sehr gut, wie wichtig die richtige Kommunikation in einer Familie ist, ja, in jeder Beziehung! Man kann das Maß an schlechter Kommunikation hernehmen und sehen, wie es sich negativ auswirkt auf eine Familie – und genauso auf die Gesellschaft.

DIE FURCHE: Der homosexuelle Aspekt der Geschichte zeigt, dass die ältere Generation mit Homosexualität überhaupt nicht umgehen kann, während die Jungen sich da bedeutend leichter tun.
Mortensen: Die homosexuelle Thematik fand ganz organisch in den Film, als ich ihn schrieb. Ich dachte: Warum sollte die Hauptfigur anstatt einer Ehefrau nicht einen Ehemann haben? Ich war von der Idee überrascht und probierte sie aus. Das war nicht geplant, aber fühlte sich gut an. Das kreierte gleich eine ganz neue Ebene an Geschichten, und ich mag es als Zuschauer, wenn man diese Ebenen schrittweise freilegen kann, Stück für Stück. Ich mag es nicht, wenn mir Regisseure vorgeben, was ich zu denken und zu fühlen habe. Der Film dreht sich eigentlich nicht um die sexuelle Orientierung, sondern vielmehr um das Zusammengehörigkeitsgefühl in einer Familie, in der man einander zuhört und einander respektiert. Dass es die hier nur zum Teil gibt und auf der anderen Seite eine autoritäre Vaterfigur steht, der man sich unterzuordnen hat, daraus bezieht der Film seine Dramaturgie.