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"Green Book": Ein mehr als ungleiches Paar

1945 1960 1980 2000 2020

"Green Book -Eine besondere Freundschaft": Die Annäherung eines weißen Fahrers an seinen schwarzen Passagier anno 1963 wurde für fünf Oscars nominiert.

1945 1960 1980 2000 2020

"Green Book -Eine besondere Freundschaft": Die Annäherung eines weißen Fahrers an seinen schwarzen Passagier anno 1963 wurde für fünf Oscars nominiert.

Wer die berühmte "Green Card" in der Hand hält, für den ist der "amerikanische Traum" wahr geworden. Er darf wie jeder Bürger in den USA unbefristet leben und arbeiten. Wozu jedoch dient das "Green Book"? Das Green Book fördert schlicht die Realitätsferne dieser Wunschvorstellung zutage. Es steht für die amerikanische Ordnung, die bis in die sechziger Jahre hinein Menschen mit dunkler Hautfarbe aus diesem Glückstraum ausschloss, sie in Reservate verwies. So listete die Broschüre jene Orte auf, Unterkünfte, Gaststätten oder Strände, wo Farbige willkommen waren und sich frei bewegen konnten.

Dieses lebenswichtige, wenngleich dubiose Verzeichnis gab Peter Farrellys, auf Tatsachen beruhenden Film seinen Namen. Der Protagonist, der farbige klassische Pianist Dr. Don Shirley, der im Ausland studierte, ist auf diesen Führer rundweg angewiesen. Er will im Süden der USA auf eine achtwöchige Konzertreise gehen, angesichts der sozialen Spannungen im Land ein geradezu wahnwitziger Plan. Er fasst ihn ein Jahr, bevor John F. Kennedy am 11. Juni 1963 in seiner epochalen Rede fordert, Gleichberechtigung für jeden Staatsbürger zu verwirklichen. Nun sucht Dr. Shirley einen Fahrer und Leibwächter, und findet den italo-amerikanischen, arbeitslosen Türsteher Tony Lip. Aber ob der vornehme und weltmännische Pianist mit diesem ruppigen und rassistischen Familienvater klarkommen wird?

Kommentar zum politischen Klima

Hat sich Regisseur Peter Farrelly bisher mit der Inszenierung von Komödien hervorgetan, bringt er mit seinem Roadmovie ein brisantes wie ernstes Thema zur Sprache. Immer wieder haben er und die Filmcrew betont, dass es sich als Kommentar zum politischen Klima in den USA lesen lässt. Es geht um Rassismus, um Identität, um Status und Macht. Wie kann man der Spaltung des Landes entgegensteuern, während sie durch Trumps Politik befeuert wird? Dafür blickt Farrelly, wie Spike Lees "BlacKkKlansman", noch einmal in die Geschichte zurück und konnte sich dafür auf die Mitarbeit von Tony Lips Sohn Nick sowie Tonaufzeichnungen und Briefe stützen. Insofern erzählt "Green Book" nicht nur von der Entwicklung zweier Männer, sondern demonstriert auch ein Erziehungsprogramm: Wenn man sich erst einmal aufeinander einlässt, dann kann sich trotz aller Verschiedenheit Respekt, Verständnis und wechselseitige Unterstützung entfalten -eine Lösung, die auch das im Februar startende amerikanische Remake von "Ziemlich beste Freunde" wählt. Und diese freundschaftliche Annäherung schildert Farrelly präzise und nachvollziehbar. Manchmal auch komisch. Bestechend sind seine Dialoge: treffend und ehrlich, obschon das Geschehen in allzu vertraute Bilder gekleidet ist.

Es sind zwei schillernde und eigenwillige Persönlichkeiten, die das herausragende Spiel der beiden Hauptdarsteller hervorzaubert. Mahershala Ali modelliert seine Figur Dr. Shirley als kultivierten Charakter mit feinsinnigem Witz. Herablassend-kühl begegnet er anfangs dem Rauhbein, wenn er ihn auf einem Thron residierend in seinen erlesenen Räumen empfängt. Aber Lip, dessen Perspektive der Film favorisiert, weiß sich, verkörpert von Viggo Mortensen, bestens zu wehren, er lässt sich so etwas nicht gefallen. Bald kann Lip seinen distinguierten Arbeitgeber für Populärkultur und einfache Genüsse erwärmen, indes er für dessen üble Behandlung sensibilisiert wird und von seinen altgewohnten Überzeugungen abrückt.

Künstler und farbiger Underdog

Dass die Diskrepanz, als Künstler verehrt und zugleich als farbiger "Underdog" ausgegrenzt zu werden, kaum auszuhalten ist, hinterlässt nachhaltige Wirkung. Der Film macht deutlich, dass Bildung, Kultiviertheit und Reichtum im Umgang mit dem rassistischen Pöbel nicht weiterhelfen. Stattdessen gilt es, die Arbeiterschicht auf seine Seite zu bringen. Sie soll stellvertretend in Lips Figur, die ihren kleinen Wohlstand beständig sichern muss, ihre Vorurteile revidieren. Dabei verkörpert Dr. Shirley all das, was in religiöskonservativen Kreisen Amerikas angefeindet wird. Er ist schwarz, er ist homosexuell, sein Darsteller Mahershala Ali konvertierte in jungen Jahren zum Islam, und obendrein kann er aufgrund seiner kühlen Eloquenz als Anspielung auf den ehemaligen Präsidenten Barack Obama gedeutet werden. Dieser mit sich selbst beschäftigten Elite stünde es demnach gut an, sich mit der sozialen Schicht einfacher Menschen zu befassen.

Dass das humane Ansinnen von "Green Book" umgehend als dringliche Botschaft an die amerikanische Gesellschaft verstanden wurde, dokumentiert sich in den mehrmaligen Auszeichnungen. Jetzt ist er für fünf Oscars nominiert. Ob aber die Wertschätzung eines außergewöhnlichen Individuums automatisch in der Anerkennung einer sozialen Gruppe mündet, das ist die Frage.

Wer die berühmte "Green Card" in der Hand hält, für den ist der "amerikanische Traum" wahr geworden. Er darf wie jeder Bürger in den USA unbefristet leben und arbeiten. Wozu jedoch dient das "Green Book"? Das Green Book fördert schlicht die Realitätsferne dieser Wunschvorstellung zutage. Es steht für die amerikanische Ordnung, die bis in die sechziger Jahre hinein Menschen mit dunkler Hautfarbe aus diesem Glückstraum ausschloss, sie in Reservate verwies. So listete die Broschüre jene Orte auf, Unterkünfte, Gaststätten oder Strände, wo Farbige willkommen waren und sich frei bewegen konnten.

Dieses lebenswichtige, wenngleich dubiose Verzeichnis gab Peter Farrellys, auf Tatsachen beruhenden Film seinen Namen. Der Protagonist, der farbige klassische Pianist Dr. Don Shirley, der im Ausland studierte, ist auf diesen Führer rundweg angewiesen. Er will im Süden der USA auf eine achtwöchige Konzertreise gehen, angesichts der sozialen Spannungen im Land ein geradezu wahnwitziger Plan. Er fasst ihn ein Jahr, bevor John F. Kennedy am 11. Juni 1963 in seiner epochalen Rede fordert, Gleichberechtigung für jeden Staatsbürger zu verwirklichen. Nun sucht Dr. Shirley einen Fahrer und Leibwächter, und findet den italo-amerikanischen, arbeitslosen Türsteher Tony Lip. Aber ob der vornehme und weltmännische Pianist mit diesem ruppigen und rassistischen Familienvater klarkommen wird?

Kommentar zum politischen Klima

Hat sich Regisseur Peter Farrelly bisher mit der Inszenierung von Komödien hervorgetan, bringt er mit seinem Roadmovie ein brisantes wie ernstes Thema zur Sprache. Immer wieder haben er und die Filmcrew betont, dass es sich als Kommentar zum politischen Klima in den USA lesen lässt. Es geht um Rassismus, um Identität, um Status und Macht. Wie kann man der Spaltung des Landes entgegensteuern, während sie durch Trumps Politik befeuert wird? Dafür blickt Farrelly, wie Spike Lees "BlacKkKlansman", noch einmal in die Geschichte zurück und konnte sich dafür auf die Mitarbeit von Tony Lips Sohn Nick sowie Tonaufzeichnungen und Briefe stützen. Insofern erzählt "Green Book" nicht nur von der Entwicklung zweier Männer, sondern demonstriert auch ein Erziehungsprogramm: Wenn man sich erst einmal aufeinander einlässt, dann kann sich trotz aller Verschiedenheit Respekt, Verständnis und wechselseitige Unterstützung entfalten -eine Lösung, die auch das im Februar startende amerikanische Remake von "Ziemlich beste Freunde" wählt. Und diese freundschaftliche Annäherung schildert Farrelly präzise und nachvollziehbar. Manchmal auch komisch. Bestechend sind seine Dialoge: treffend und ehrlich, obschon das Geschehen in allzu vertraute Bilder gekleidet ist.

Es sind zwei schillernde und eigenwillige Persönlichkeiten, die das herausragende Spiel der beiden Hauptdarsteller hervorzaubert. Mahershala Ali modelliert seine Figur Dr. Shirley als kultivierten Charakter mit feinsinnigem Witz. Herablassend-kühl begegnet er anfangs dem Rauhbein, wenn er ihn auf einem Thron residierend in seinen erlesenen Räumen empfängt. Aber Lip, dessen Perspektive der Film favorisiert, weiß sich, verkörpert von Viggo Mortensen, bestens zu wehren, er lässt sich so etwas nicht gefallen. Bald kann Lip seinen distinguierten Arbeitgeber für Populärkultur und einfache Genüsse erwärmen, indes er für dessen üble Behandlung sensibilisiert wird und von seinen altgewohnten Überzeugungen abrückt.

Künstler und farbiger Underdog

Dass die Diskrepanz, als Künstler verehrt und zugleich als farbiger "Underdog" ausgegrenzt zu werden, kaum auszuhalten ist, hinterlässt nachhaltige Wirkung. Der Film macht deutlich, dass Bildung, Kultiviertheit und Reichtum im Umgang mit dem rassistischen Pöbel nicht weiterhelfen. Stattdessen gilt es, die Arbeiterschicht auf seine Seite zu bringen. Sie soll stellvertretend in Lips Figur, die ihren kleinen Wohlstand beständig sichern muss, ihre Vorurteile revidieren. Dabei verkörpert Dr. Shirley all das, was in religiöskonservativen Kreisen Amerikas angefeindet wird. Er ist schwarz, er ist homosexuell, sein Darsteller Mahershala Ali konvertierte in jungen Jahren zum Islam, und obendrein kann er aufgrund seiner kühlen Eloquenz als Anspielung auf den ehemaligen Präsidenten Barack Obama gedeutet werden. Dieser mit sich selbst beschäftigten Elite stünde es demnach gut an, sich mit der sozialen Schicht einfacher Menschen zu befassen.

Dass das humane Ansinnen von "Green Book" umgehend als dringliche Botschaft an die amerikanische Gesellschaft verstanden wurde, dokumentiert sich in den mehrmaligen Auszeichnungen. Jetzt ist er für fünf Oscars nominiert. Ob aber die Wertschätzung eines außergewöhnlichen Individuums automatisch in der Anerkennung einer sozialen Gruppe mündet, das ist die Frage.

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Film

Green Book - Eine besondere Freundschaft (Green Book)

USA 2018.
Regie: Peter Farrelly.
Mit Viggo Mortensen, Mahershala Ali.
Centfox. 130 Min.

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