Häuser, vom Sturm gebeutelt

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Der eine fotografierte Tiroler Bauernhäuser, der andere drang malend zu ihrem Wesen vor.

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Der eine fotografierte Tiroler Bauernhäuser, der andere drang malend zu ihrem Wesen vor.

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Ein ausgezeichnetes heimatkundliches Buch über Tiroler Bauernhöfe. Und ein Kunstband über einen wichtigen Tiroler Maler, einen der spärlichen Modernen im Tirol der Zwischenkriegszeit: Wilhelm Nicolaus Prachensky. Die beiden Bücher erschienen zwar zur gleichen Zeit im selben Verlag, nämlich bei Tyrolia, aber offenbar unabhängig voneinander. Dabei führen sie einen stillen Dialog, stehen, einander ergänzend, im Erfahrungsaustausch. Es geht um die Wechselwirkung zwischen der Malerei und der Wirklichkeit. Und um die verschiedenen Möglichkeiten, letztere wahrzunehmen.

Klaus Markovits studierte in Innsbruck Deutsch und Geschichte und ist offensichtlich einer jener Besessenen, die fotografierend zu retten versuchen, was in der Wirklichkeit dazu verurteilt ist, mehr oder weniger langsam auszusterben. Auf seinen hundert Wanderungen kam er in die entlegensten Täler und fotografierte die Originale der zwischen Arlberg und Bodensee als Musterbuch für Kitschzitate mißbrauchten bäuerlichen Architektur Tirols. Was auf den ersten Blick manchem wie Folklore erscheinen mag, erweist sich bei näherem Zusehen als Werk über die Vielfalt einer ebenso schönen und einfallsreichen wie funktionalen "Architektur ohne Architekten", die tatsächlich weltweite Aufmerksamkeit verdient, nicht nur unbedarfter Schitouristen.

Der 1898 geborene Wilhelm Nicolaus Prachensky war ein Tiroler, der ein Stück Welt gesehen, aber nie die Chance gehabt hatte, "sich wirklich international zu entwickeln", wie Dieter Ronte im Vorwort zur Prachensky-Monographie von Matthias Boeckl schreibt. Doch er hätte das Zeug dazu gehabt, hat auch einen weit über Tirol hinausreichenden Ruf und die Wertschätzung von Sammlern außerhalb Tirols erworben.

Seine in den zwanziger Jahren entstandenen Bilder von Tiroler Häusern bilden eine interessante Werkgruppe in Prachenskys OEuvre, auch innerhalb seiner Landschaften. Er hat dabei etwas gesehen und gemalt, was wir in dieser Konsequenz in der Tiroler Malerei des 20. Jahrhunderts nur bei ihm finden: Das Haus als Teil der Landschaft, aber vor allem im Kampf mit der Natur. Einer offenbar als bedrohlich, gefährlich und unbarmherzig erlebten Natur. Beim vielgerühmten Maler Walde sehen wir das Tiroler Haus idyllischer, folkloristischer und, vor allem, die Natur viel freundlicher. Bei Prachensky duckt sich das Haus, wird eins mit dem Hang, wirkt oft deformiert, schaut aus, als hätten die Sturmgewalten seit Jahrhunderten an ihm gezerrt (haben sie ja), manchmal könnte man meinen, es liege schon erfroren unter dem Schnee.

Vielleicht ist einer der Gründe dafür, daß Prachensky das Tiroler Bauernhaus so malen konnte, daß er nicht nur Maler, sondern auch Architekt war. Ein guter Architekt. Architekt klarer, moderner, aber die Tradition nicht verleugnender Häuser. Matthias Boeckl hat zusammengetragen, was es über ihn zu wissen gibt.

Markovits' Fotos ergänzen Wilhelm Nicolaus Prachenskys Bilder. Markovits dokumentiert. Alle Achtung. Aber Prachensky dringt zum Wesen vor.

WILHELM NICOLAUS PRACHENSKY Von Matthias Boeckl Kunstinitiative Tirol, Tyrolia Verlag, Innsbruck 1998. 188 Seiten, 146 Farb- und 16 sw.-Bilder, Ln., öS 480, TIROLER BAUERNHÄUSER Von Klaus Markovits Tyrolia Verlag, Innsbruck 1998 160 Seiten, 180 Farbbilder, Skizzen, Karte, geb., öS 490,-

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