Ein Visionär mit Bodenhaftung

Der Architekt Hubert Prachensky prägte über Jahrzehnte das Aussehen nicht nur eines Dorfes.

Eine erfolgreiche Karriere war Architekt Hubert Prachensky, Spross der berühmten Prachensky-Baumann-Dynastie, fast in die Wiege gelegt. Mit dem Hotel Monte Pana im Grödental und Seilbahnstationen auf der Hungerburg, der Seegrube und dem Hafelekar auf der Nordkette hatte sein Onkel Franz Baumann (1892-1974) Marksteine modernen Bauens im alpinen Raum gesetzt. Vater Theodor (1888-1970) gestaltete als Innsbrucker Oberbaurat die Stadt maßgeblich, mit Baumann plante er die Hauptschule Hötting, mit Jakob Albert fortschrittliche soziale Wohnbauten. Auch als Maler hinterließ er ein eigenständiges künstlerisches Werk. An Wochenenden skizzierte er mit Baumann und Bruder Wilhelm Nicolaus in der Natur. Der war renommierter Maler und Grafiker, bevor er sich der Architektur verschrieb.

Früh zum Malen animiert

Das doppelbegabte Dreiergespann prägte Hubert, der 1916 als zweiter von vier Söhnen geboren wurde. Früh zum Malen animiert, arbeitete er nach der Gewerbeschule im Stadtbauamt und beim Onkel mit, fungierte früh als Bauleiter und studierte bei Clemens Holzmeister Architektur, diplomierte 1941 bei Alexander Popp, heiratete Glockengießertochter Emmy Grassmayr und machte Offizierskarriere. Trotz des Berufsverbots, das nach dem Krieg über ihn als NS-Belasteten zunächst verhängt wurde, realisierte er 1946 seinen ersten Bau, die Barbarakapelle.

1948 leistete er den Architekteneid und trat so das familiäre Erbe an. Bis 1956 arbeitete er in Partnerschaft mit Wilhelm Nicolaus, wo er wesentliche Verbindungen zu Tourismus, Wirtschaft und Politik knüpfte. Hubert Prachensky war ein Baulöwe, der Kontakte geschickt zu pflegen und in Aufträge umzuwandeln wusste, sein elektronisches Archiv hat 1500 Einträge. Die Ausbeute eines reichen, erfolgreichen Architektenlebens ist zahlenmäßig gewaltig, qualitativ sehr unterschiedlich.

Bis heute Bestand haben die Gedächtniskapelle am Bergisel, die Europakapelle mit Karl Plattners Fresken, die Totenkapelle Mutters, das elegant-reduzierte Buffet und Foyer des Leo-Kinos in Innsbruck. Bestechend ist das unprätentiös klare, skulpturale Lüftungsbauwerk für den Arlberg-Straßentunnel von Prachensky und Ernst Heiss. Auch die Bergstation der Ötztaler Gletscherbahn am Gaislachkogel und die Kaiserburgbahn in Bad Kleinkirchheim fügen sich ohne rustikales Getue in die Natur.

Verdienstvoll bleibt sein Einsatz für die Gründung der Technischen Universität Innsbruck. Er plante sie zeitgemäß mit Ernst Heiss 1967-69 als Komplex mehrerer Betonbaukörper, die städtebaulich und funktionell klar strukturiert sind, auch die drei Wohnhochhäuser am Sillufer sind gut platziert.

Beim Bau der Chirurgie wurde er von Wettbewerbssieger Hans Rauth zur Partnerschaft geladen, mit dem schlanken, hohen Bettentrakt lebt Innsbruck gut. Viel Kritik erregte, dass der Auftrag fast exklusiv weitere brachte, u.a. die Frauen- und Kopfklinik, die sich vom Entwurf zur Eröffnung von 1969-1987 hinzog.

Die gewaltige Kubatur des Sport- und Kongresszentrum Seefeld wurde mit Heiss klug aufgelöst. Prachenskys Architektur passte sich optimal touristischen Bedürfnissen und Moden an. Zu Büros dieser Art schrieb Friedrich Achleitner: "Sie tragen einerseits zur Popularisierung der Moderne bei, andererseits sind sie die Infektionsherde' einer folkloristischen Illusionsarchitektur, wie sie die Expansion des Tourismus verlangt. Sie sind also zum Teil für den enthemmenden Architekturkitsch der Wintersportorte verantwortlich zu machen."

Nichts verschwiegen

In ihrer Prachensky-Monografie hat Krista Hauser weder Prachenskys SS-Vergangenheit verschwiegen (1941 trat der junge Leutnant, der später, so Hauser, anders als viele seines Jahrgangs nichts verdrängte oder beschönigte, aus), noch kritische Stimmen weggelassen, etwa zu umstrittenen Großaufträgen oder Direktvergaben. Wohlwollend, aber distanziert begegnet sie Hubert Prachensky, der sein Leben erfrischend offen kommentiert. Krista Hauser dokumentiert in ihrem Buch nicht nur Bauten, es zeichnet das Sittenbild Tirols und einer Familie, reißt Verflechtungen der Architektur mit Politik, Tourismus, Wirtschaft an. So leistet der leicht lesbare, mit viel persönlichem und baulichem Bildmaterial, Plänen und Quellenverweisen angereicherte Band Aufklärungsarbeit.

Hubert Prachensky

Von Krista Hauser

Kunstinitiative Tirol, Innsbruck 2003

215 Seiten, zahlr. Abb., e 32,-

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