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"Häusliche Gewalt wird als Privatsache gesehen“

Erst seit 2011 ist auf Malta die Scheidung möglich. Warum viele Frauen nach wie vor sehr abhängig sind und häusliche Gewalt im streng katholischen Malta so problematisch ist, erklärt die Anwältin Lara Dimitrijevic.

Die auf Familienrecht spezialisierte Juristin Lara Dimitrijevic baut gerade ihre eigene Frauenrechts-Organisation "Women’s Rights Foundation“ auf Malta auf. Damit möchte sie Opfer von Gewalt und Missbrauch unterstützen.

Die Furche: Wie wird die "Women’s Rights Foundation“ arbeiten?

Lara Dimitrijevic: Die Idee meiner Stiftung ist, dass ich Opfern von häuslicher Gewalt und sexueller Ausbeutung, Prostitution und Menschenhandel sofortige kostenlose Rechtshilfe anbiete. So möchte ich die Frauen und Kinder vor gewalttätigen Männern schützen und ihnen helfen, Unterhaltszahlungen einzuklagen, bis sie schließlich finanziell unabhängig werden. Das ist das letztliche Ziel.

Die Furche: Mit welchen lebenspraktischen Problemen sind diese Frauen konfrontiert?

Dimitrijevic: Es handelt sich leider um ein breites Spektrum von betroffenen Frauen. Weil viele von ihrem Mann finanziell total abhängig sind, können sie nicht einmal ein sofortiges Gerichtsverfahren einleiten. Es dauert auf Malta etwa vier Wochen, bis diese Frauen kostenlose Rechtshilfe erhalten. Wenn eine misshandelte Frau diese vier Wochen in einem Frauenhaus verbringt, besteht das Risiko, dass der Vater währenddessen die Kinder holen kommt. Oder dass die Frau die Kinder zwar bei sich hat, aber kein Geld hat, um für sie zu sorgen.

Die Furche: Sie möchten auch die Rechte von gehandelten Frauen und Zwangsprostitutierten vertreten.

Dimitrijevic: Früher habe ich für die Menschenrechts-Organisation "JRS“ (Jesuit Refugee Service) in den Flüchtlingslagern gearbeitet und Flüchtlinge rechtlich beraten, vor allem Frauen und Kinder. Ich habe 14-jährige Afrikanerinnen kennengelernt, wo sofort klar war: Sie wurden nach Europa gebracht, unwissend, dass sie in Bordellen arbeiten sollen.

Die Furche: Wieder zu den Malteserinnen und zum Scheidungsrecht: Welche Debatte gab es rund um dessen Einführung?

Dimitrijevic: Es gab eine lange Kampagne für die Einführung des Scheidungsrechtes. Das war vor allem eine kulturelle Streitfrage. Wir sind auf Malta streng katholisch. Viele Leute haben die Scheidung als etwas wahrgenommen, das sich nicht mit unserem Glauben verträgt. Vor allem die Kirche und kirchennahe Einrichtungen haben gegen die Scheidung kampagnisiert. Aber die Zeit war gekommen. Die Mentalität verändert sich langsam und ein Scheidungsrecht war dringend nötig.

Die Furche: Woran war das spürbar?

Dimitrijevic: Wir haben sehr viele Trennungen auf Malta. Die Menschen konnten nach der Trennung nicht wieder heiraten. Also haben wir sehr viele uneheliche Kinder. Gleich nach der Einführung des Gesetzes gab es einen großen Ansturm von Leuten, die sich scheiden lassen wollten. Dafür gibt es zwei Voraussetzungen: Man muss seit über vier Jahren getrennt sein und - sofern Unterhaltszahlungen vorgesehen sind - müssen diese geleistet werden.

Die Furche: Was hat sich durch das Gesetz verändert? Dimitrijevic: Nun können Frauen und Männer mit der vergangenen Beziehung endgültig abschließen. Das schafft mehr Frieden für alle, denn Männer und Frauen wollen Scheidungen gleichermaßen.

Die Furche: Behandelt das maltesische Gesetz inzwischen Frauen und Männer gleich?

Dimitrijevic: Was noch immer nicht fair ist: Wenn Väter den Kontakt zu ihren Kindern abbrechen wollen, können sie das ohne weiteres tun. Wenn aber Mütter die Kinder nicht zum Treffen mit dem Vater gehen lassen wollen, werden sie bestraft. Wenn Väter plötzlich keinen Unterhalt mehr für die Kinder zahlen, kann es bis zu sechs Monate dauern, bis sich gerichtlich etwas tut. Währenddessen müssen die Frauen schauen, wie sie die Kinder durchbringen.

Die Furche: Wie sieht es mit den Unterhaltszahlungen auf Malta aus?

Dimitrijevic: Inzwischen ist es für Frauen nicht mehr so leicht, für sich selbst Unterhalt zugesprochen zu bekommen. Die Gerichte ermutigen die Frauen, Arbeit zu suchen. Auch ich versuche meine Klientinnen zu ermutigen, für sich selbst zu sorgen. Das ist für die Frauen gut und auch für die Ex-Männer.

Die Furche: Sind nun alle Gesetzeslücken geschlossen?

Dimitrijevic: Unsere gesetzliche Definition von häuslicher Gewalt ist sehr vage, verglichen mit dem britischen Gesetz, und kann unterschiedlich interpretiert werden. Ist finanzielle Kontrolle schon moralischer Missbrauch? Was ist mit auferlegten Verboten, Gedankenmanipulation oder Psychospielchen?

Die Furche: Wo besteht noch Verbesserungsbedarf?

Dimitrijevic: Auf Malta wird häusliche Gewalt noch immer als Privatsache betrachtet. Es herrscht die Meinung: "Das müssen sich die Partner untereinander ausmachen. Es ist eh nur einmal passiert.“ Ich habe Polizisten sagen gehört: "Aber sie hat ihn provoziert. Sie hätte das nicht sagen sollen.“ Oder aber: "Sie sollte zurück zu ihrem Ehemann gehen und sich mit ihm versöhnen.“ Manchmal muss ich eingreifen und die Polizei auffordern, endlich zu handeln.

Die Furche: Welche Rolle spielen die Interventionen der katholischen Kirche?

Dimitrijevic: Eine enorme Rolle. Einige Leute gehen bei Eheproblemen nicht zu einer psychologischen Beratung, sondern zu einem Priester. Diese versuchen etwa in Fällen häuslicher Gewalt zu vermitteln. Man hört von Priestern immer wieder: "Aber Sie sind eine Frau und sollten zuhören, was Ihr Mann zu sagen hat. Schließlich sorgt er für das Essen am Tisch.“

Die Furche: Wie erleben Sie die maltesischen Frauen? Dimitrijevic: Leider sind sie selbst vielfach unterwürfig. In meinem Freundeskreis höre ich oft, dass eine Frau zu Hause sein und die Kinder umsorgen sollte, nicht zur Arbeit gehen sollte. Aber immer mehr Frauen müssen arbeiten, weil ein durchschnittliches Gehalt nicht mehr eine Familie finanzieren kann.

Die Furche: Welche gesetzlichen Meilensteine wurden in der jüngeren Vergangenheit gelegt?

Dimitrijevic: Bis 1993 stand noch die Mitgift der Brauteltern im Gesetz. Bis dahin hatte der Ehemann die alleinige finanzielle Vollmacht. Das Gesetz schreibt heute insgesamt Gleichberechtigung vor, aber kulturell tickt Malta noch immer anders.

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