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Pionier im Reich der Gene und Proteine

Es sind komplexe Systeme und unzählige Wechselwirkungen, die er wie ein Detektiv zu entschlüsseln sucht. In diesem biologischen Netzwerk sind die molekularen Ursachen wichtiger Erkrankungen wie Krebs, Entzündungen, Stoffwechsel- und Immunstörungen verborgen. Und auch wenn das aktuelle Verständnis dieser Systeme davon ausgeht, dass es dort nicht unbedingt "menschelt", sondern viel eher mechanistisch zugeht, wurde Giulio Superti-Furga der Spitzname "Proteinsoziologe" zuteil: Grund dafür ist eine einflussreiche Forschungsarbeit von 2002, in der er das Protein-Netzwerk einer Hefezelle analysiert hat.

Seit 2005 ist der gebürtige Mailänder der wissenschaftliche Direktor des CeMM Forschungszentrums für Molekulare Medizin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; mittlerweile ist er auch Professor für Medizinische Systembiologie an der MedUni Wien. Bei einem früheren Forschungsaufenthalt in Wien hatte er seine Frau kennen gelernt: der Grund, dass er während seiner langjährigen Tätigkeit in einem Heidelberger Labor nach einem geeigneten Job-Angebot in Österreich Ausschau gehalten hat. Der Molekularbiologe hat etwa zur Aufklärung grundlegender Mechanismen bei Tumorerkrankungen beigetragen. Schon 2009 heimste er einen "Advanced Investigator Grant" des Europäischen Forschungsrats (ERC) ein: Mit seinem Team erhielt Superti-Furga eine Forschungsförderung von rund 2,5 Millionen Euro, um biologische Prozesse im Immunsystem zu erforschen. Nun hat er diese prestigeträchtige Förderung bereits zum zweiten Mal eingeworben: Der aktuelle ERC Grant wird ihm diesmal verliehen, um jene Bestandteile der Zellmembran zu erkunden, die für den Transport gelöster Stoffe in die Zellen verantwortlich sind. Laut Studien haben diese "Zelltore", bestehend aus speziellen Transport-Proteinen (SLCs), eine wichtige Aufgabe in der Regulation des Zellstoffwechsels. Zudem sind sie auch für die Aufnahme von Medikamenten verantwortlich. Unter dem Arbeitstitel "Game of Gates" sollen die bisher unbekannten Spielregeln identifiziert werden, nach denen die Zellen ihre Tore öffnen oder schließen - und damit das Eindringen von Stoffen erlauben oder verhindern. "Diese Transport-Proteine wurden von der Wissenschaft bisher eher stiefmütterlich behandelt", sagt Superti-Furga, der hofft, dass die neue Studie ein Schritt in Richtung "Personalisierte Medizin" wird und den Weg für die Entwicklung neuer zielgerichteter Therapien ebnen kann.

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