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Feuilleton

Schönheit als Zufluchtsort

1945 1960 1980 2000 2020

Die tröstliche Welt der Kaffeetassen, Teekannen & Co.

1945 1960 1980 2000 2020

Die tröstliche Welt der Kaffeetassen, Teekannen & Co.

Der sich seinen Schätzen widmende Sammler taucht ab, entflieht Gegenwart und Wirklichkeit, taucht ein in eine schönere Welt als die seines Alltags, mag er auch noch so erfolgreich sein. Für den Sammler alten Porzellans gilt das alles aber doppelt. Denn die Dinge, die er sammelt, dienten schon in der Zeit ihrer Entstehung nicht zuletzt der Distanzierung von der Wirklichkeit. Natürlich dienten sie auch der Repräsentation und der Ästhetisierung des Alltags. Aber auch die Tendenz zur Flucht aus der Wirklichkeit ist unverkennbar - vor allem im Biedermeier.

Im Klassizismus ist es noch nicht so weit, aber sie kündigt sich bereits an. Anhand einer besonders schönen Neuerscheinung des Verlages Brandstätter lässt sich dies verifizieren. "Wiener Porzellan des Klassizismus - Die Ära Conrad von Sorgenthal 1784 - 1805" ist das neue Standardwerk über eine Epoche des Wiener Kunsthandwerks, die im Bewusstsein leider viel weniger präsent ist als das Biedermeier-Porzellan. Und die auch wissenschaftlich stiefmütterlich behandelt wurde. Sie lässt sich nicht nur stilistisch, sondern auch sozial- und wirtschaftsgeschichtlich definieren. Nämlich als die Zeit, in der bürgerliche Konsumentenschichten sehr langsam das Porzellan entdecken -weil sie sich weniger wertvolles Porzellan, einfache Ware oder "Ausschuss", nun leisten können. Nicht zuletzt mit ihrem Porzellan tragen sie ihren sozialen Aufstieg zur Schau. Die hohe Qualität bleibt aber vorerst noch Privileg des Hochadels.

Porzellanmanufakturen waren im 18. Jahrhundert ein repräsentatives Verlustgeschäft der Herrscher. Etliche Fürsten gingen daran fast zu Grunde. Die 1718 von du Paquier gegründete und 1744 durch Verstaatlichung vor dem Aus gerettete Wiener Porzellanmanufaktur war einigermaßen verlottert, als Conrad von Sorgenthal 1783 mit der Untersuchung der Missstände und bald auch mit der Reform beauftragt wurde. Er leitete auch die Linzer Wollenzeugfabrik (der Hin- wie der Rückweg kostete ihn jeweils zwei Tage), brachte obendrein eine Spiegelfabrik wieder auf die Beine, doch seine Liebe gehörte fortan dem Porzellan.

Der Protestant, Aufklärer und Freimaurer Sorgenthal, der in Österreich nur durch den Übertritt zum Katholizismus Karriere machen konnte, war als "Privatunternehmer in Staatsdiensten" ein Typ, von dem Österreich in den letzten Jahrzehnten mehr Exemplare gebraucht hätte. Er verschaffte der kaiserlichen Porzellanmanufaktur europäischen Ruf. Er entledigte sich ganzer Magazine mit Rokoko-Ladenhütern, führte eine Hierarchie des Könnens ein und schuf die Voraussetzungen für eine künstlerische Blütezeit. Bald kamen die Bestellungen aus ganz Europa. Am 20. August 1800 um halb zwölf Uhr erschienen sogar Admiral Nelson sowie Lord und Lady Hamilton zum Einkaufen. Der Wiener Hof blieb konservativ. Während anderswo, aber auch beim weltoffenen Teil des österreichischen Hochadels, kunstvoll bemaltes Porzellan als letzter Schrei galt, mussten die Porzellanteller der Allerhöchsten Herrschaften rundum echt vergoldet werden, um wenigstens auszusehen wie Gold.

Während der Klassizismus in der Malerei noch kämpfen musste, war sein Sieg in der Wiener Porzellanmanufaktur ziemlich total. "Begriffe wie Genie, Freiheit, Würde und Erfindung prägen die Rolle und das Selbstbild des klassizistischen Künstlers." Das Wiener Porzellan der Ära Sorgenthal war der Aufklärung und der Erziehung des Menschen zum Höheren und zur Schönheit verpflichtet. Das kompromisslose Qualitätsbewusstsein und die Förderung und öffentliche Belohnung von Begabungen begründeten den internationalen Erfolg.

Aber selbstverständlich spiegelt sich im Porzellan bald auch der Geschmack neuer Kundenschichten, vor allem aber der Zeitgeist und das Lebensgefühl der Epoche. Die Romantik lässt den Klassizismus nicht unberührt. Und auch der Klassizismus steht ja nicht nur für Aufklärung und formale Klarheit, sondern auch für eine verlorene heile Welt. Die begegnet uns, während draußen die Kanonen dröhnen und weitere Revolutionen drohen, in den Kühen auf der Weide ebenso wie in den spielenden Kindern auf einem Tablett (heile Welt und verlorene Kindheit sind ja Zwillinge), in den Chinoiserien (ferne Welt als heile Welt) oder in einer Genreszene vor den Tempelruinen von Segeste. Porzellan kann auch helfen, vergangenes Lebensgefühl besser zu verstehen.

Übrigens waren auch die polnischen Emigranten gute Kunden. Darüber gibt Wanda Zaleska in einem eigenen Abschnitt Auskunft.

Wiener Porzellan des Klassizismus. Die Ära Conrad von Sorgenthal 1784 - 1805.

Von Elisabeth Sturm-Bednarczyk und Claudia Jobst. Christian Brandstätter, Wien 2000 176 Seiten, 222 Farbbilder, geb., öS 990,- / e 71,95

Der sich seinen Schätzen widmende Sammler taucht ab, entflieht Gegenwart und Wirklichkeit, taucht ein in eine schönere Welt als die seines Alltags, mag er auch noch so erfolgreich sein. Für den Sammler alten Porzellans gilt das alles aber doppelt. Denn die Dinge, die er sammelt, dienten schon in der Zeit ihrer Entstehung nicht zuletzt der Distanzierung von der Wirklichkeit. Natürlich dienten sie auch der Repräsentation und der Ästhetisierung des Alltags. Aber auch die Tendenz zur Flucht aus der Wirklichkeit ist unverkennbar - vor allem im Biedermeier.

Im Klassizismus ist es noch nicht so weit, aber sie kündigt sich bereits an. Anhand einer besonders schönen Neuerscheinung des Verlages Brandstätter lässt sich dies verifizieren. "Wiener Porzellan des Klassizismus - Die Ära Conrad von Sorgenthal 1784 - 1805" ist das neue Standardwerk über eine Epoche des Wiener Kunsthandwerks, die im Bewusstsein leider viel weniger präsent ist als das Biedermeier-Porzellan. Und die auch wissenschaftlich stiefmütterlich behandelt wurde. Sie lässt sich nicht nur stilistisch, sondern auch sozial- und wirtschaftsgeschichtlich definieren. Nämlich als die Zeit, in der bürgerliche Konsumentenschichten sehr langsam das Porzellan entdecken -weil sie sich weniger wertvolles Porzellan, einfache Ware oder "Ausschuss", nun leisten können. Nicht zuletzt mit ihrem Porzellan tragen sie ihren sozialen Aufstieg zur Schau. Die hohe Qualität bleibt aber vorerst noch Privileg des Hochadels.

Porzellanmanufakturen waren im 18. Jahrhundert ein repräsentatives Verlustgeschäft der Herrscher. Etliche Fürsten gingen daran fast zu Grunde. Die 1718 von du Paquier gegründete und 1744 durch Verstaatlichung vor dem Aus gerettete Wiener Porzellanmanufaktur war einigermaßen verlottert, als Conrad von Sorgenthal 1783 mit der Untersuchung der Missstände und bald auch mit der Reform beauftragt wurde. Er leitete auch die Linzer Wollenzeugfabrik (der Hin- wie der Rückweg kostete ihn jeweils zwei Tage), brachte obendrein eine Spiegelfabrik wieder auf die Beine, doch seine Liebe gehörte fortan dem Porzellan.

Der Protestant, Aufklärer und Freimaurer Sorgenthal, der in Österreich nur durch den Übertritt zum Katholizismus Karriere machen konnte, war als "Privatunternehmer in Staatsdiensten" ein Typ, von dem Österreich in den letzten Jahrzehnten mehr Exemplare gebraucht hätte. Er verschaffte der kaiserlichen Porzellanmanufaktur europäischen Ruf. Er entledigte sich ganzer Magazine mit Rokoko-Ladenhütern, führte eine Hierarchie des Könnens ein und schuf die Voraussetzungen für eine künstlerische Blütezeit. Bald kamen die Bestellungen aus ganz Europa. Am 20. August 1800 um halb zwölf Uhr erschienen sogar Admiral Nelson sowie Lord und Lady Hamilton zum Einkaufen. Der Wiener Hof blieb konservativ. Während anderswo, aber auch beim weltoffenen Teil des österreichischen Hochadels, kunstvoll bemaltes Porzellan als letzter Schrei galt, mussten die Porzellanteller der Allerhöchsten Herrschaften rundum echt vergoldet werden, um wenigstens auszusehen wie Gold.

Während der Klassizismus in der Malerei noch kämpfen musste, war sein Sieg in der Wiener Porzellanmanufaktur ziemlich total. "Begriffe wie Genie, Freiheit, Würde und Erfindung prägen die Rolle und das Selbstbild des klassizistischen Künstlers." Das Wiener Porzellan der Ära Sorgenthal war der Aufklärung und der Erziehung des Menschen zum Höheren und zur Schönheit verpflichtet. Das kompromisslose Qualitätsbewusstsein und die Förderung und öffentliche Belohnung von Begabungen begründeten den internationalen Erfolg.

Aber selbstverständlich spiegelt sich im Porzellan bald auch der Geschmack neuer Kundenschichten, vor allem aber der Zeitgeist und das Lebensgefühl der Epoche. Die Romantik lässt den Klassizismus nicht unberührt. Und auch der Klassizismus steht ja nicht nur für Aufklärung und formale Klarheit, sondern auch für eine verlorene heile Welt. Die begegnet uns, während draußen die Kanonen dröhnen und weitere Revolutionen drohen, in den Kühen auf der Weide ebenso wie in den spielenden Kindern auf einem Tablett (heile Welt und verlorene Kindheit sind ja Zwillinge), in den Chinoiserien (ferne Welt als heile Welt) oder in einer Genreszene vor den Tempelruinen von Segeste. Porzellan kann auch helfen, vergangenes Lebensgefühl besser zu verstehen.

Übrigens waren auch die polnischen Emigranten gute Kunden. Darüber gibt Wanda Zaleska in einem eigenen Abschnitt Auskunft.

Wiener Porzellan des Klassizismus. Die Ära Conrad von Sorgenthal 1784 - 1805.

Von Elisabeth Sturm-Bednarczyk und Claudia Jobst. Christian Brandstätter, Wien 2000 176 Seiten, 222 Farbbilder, geb., öS 990,- / e 71,95