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Unterwegs zu einer menschlichen Welt

Jahrzehntelang träumte, redete und schrieb sie vom Ende der Herrschaft der Weißen, überhaupt vom Ende der Herrschaft einer Bevölkerungsgruppe über eine andere - ihr jüngster Roman "Keine Zeit wie diese“ widmet sich der Zeit nach der Apartheid. Es ist ein ernüchternder Blick, den Nadine Gordimer auf ihre Heimat Südafrika wirft, die sie von Korruption und versagender Bildungspolitik zerrüttet sieht. Gordimer erzählt darin auch vom Fremdenhass, der an den Flüchtlingen aus Simbabwe ausgelassen wird. Als Hauptursache dafür sieht sie die Armut. Doch Armut und Kriminalität sind nicht dem Ende der Apartheid geschuldet, sind kein Phänomen der Freiheit, wie manche behaupten, schreibt Gordimer 1999 in einem Essay für die New York Times. "Die Lage war auch in den alten Tagen des Apartheidregimes nicht besser, sie wurde lediglich vertuscht. Menschen ohne oder mit nur geringfügiger Arbeit, die jetzt mit einem vielfältigen Hunger auf ein besseres Leben in die Stadt kommen, wurden damals ... in völlig verarmte ‚ethnische Homelands‘ gesteckt.“

Keine Spur von Gleichheit

"Keine Spur von Gleichheit in der erkämpften Schwarz-Weiß-Verschmelzung im Land, dem ungleichsten der Welt“, heißt es in Gordimers Roman. Doch den Traum von der Gleichheit lässt sich Gordimer nicht nehmen. Wie sehr er ihr Denken und Schreiben prägte und prägt, kann man nun in ihren Essays nachlesen, die zwischen 1954 und 2008 entstanden sind und nun, von der Autorin selbst ausgesucht, rechtzeitig zu ihrem neunzigsten Geburtstag am 20. November zusammen mit einer Auswahl von Erzählungen erschienen sind. Sie erzählen einerseits die Geschichte Südafrikas im 20. Jahrhundert, andererseits - und das macht sie besonders wertvoll -, wie schwierig es ist, sich prägende Denkschemata bewusst zu machen und aus ihnen auszusteigen. Das ist kein spezifisch südafrikanisches Problem, denn jeder gehört irgendwo dazu und wird von Sichtweisen und Denkgeboten geprägt. Aber nicht jeder schafft es, wie Gordimer, durch Denken - und Lesen - dieses Geprägtsein zu reflektieren. Wer wie Nadine Gordimer vor neunzig Jahren als weiße Südafrikanerin auf die Welt kam, gehörte zu jener weißen Minderheit, die noch jahrzehntelang die Herrschaft hatte und die Regeln machte. "Wenn man weiß ist, geht man von der Prämisse des Weißseins aus.“

Dabei ist selbst die weiße südafrikanische Gesellschaft so bunt, auch Gordimers Familie. Der jüdische Vater stammte "aus einem russischen Dorf“, die Mutter wuchs in London auf und betätigte sich ehrenamtlich als Präsidentin mehrerer Organisationen, backte etwa für den jährlichen Kuchenverkauf zur Unterstützung der presbyterianischen Kirche: Vielfalt der Religionen war in Gordimers Kindheit kein Problem, und sie selbst ging bei dominikanischen Nonnen zur Schule.

Es ist ein Leben der Mittelschicht, auf das sie zurückblicken kann, in einer kleinen "Kolonialgemeinschaft mit den ritualisierten Teegesellschaften und Tennis-Nachmittagen“. Am Rande der Stadt symbolisieren dem Kind die Kohlehalden, "der Böse Berg“, die andere Welt.

Erkenntnis als zweite Geburt

Zum Erwachsenwerden gehörte eine "Zweite Geburt“ oder "Wiedergeburt“, wie Gordimer den Vorgang nannte und damit seine Bedeutung für ihr Leben unterstrich. Erzogen, sich den als schmutzig bezeichneten Dienstboten nicht zu nähern oder gar aus ihrer Tasse zu trinken, war für das Kind die Trennung zwischen Weiß und Schwarz selbstverständlich. "Ist man als Südafrikaner geboren, werden einem die gegebenen Fakten von Rasse mit dem gleichen Realitätsanspruch präsentiert wie die absoluten Fakten von Geburt und Tod.“ In ihren Essays kann man nachspüren, wie Gordimer zur "zweiten Geburt“ gelangte. "Damit meine ich den Moment, wenn das Kind zu erkennen beginnt: Die Tatsache, dass der Schwarze das Haus des Weißen nicht durch die Vordertür betritt, gehört nicht zu derselben Kategorie von Tatsachen wie die, dass die Toten nicht zurückkommen.“ Diese Erkenntnis öffnet die Tür für den Weg zu jener Menschlichkeit, die ihre Romane durchdringt und für die sie 1991 den Nobelpreis für Literatur erhielt. "Für mich ist das Schreiben immer schon eine Erforschung des Lebens gewesen, eine Safari in die staunenswerte Wildnis, die andauern wird, bis ich sterbe.“

Das himmelschreiende Unrechtssystem der Apartheid zieht sich wie ein roter Faden durch das Schreiben der Autorin. Mehr als einmal wurde ihre Literatur verboten. Sie untergrabe "die traditionelle Rassenpolitik der Republik“, erkannte man richtig. "Die Menschen werden nicht als Brüder geboren, sie müssen sich gegenseitig entdecken, und diese Entdeckung versucht die Apartheid zu verhindern“, schrieb sie im Jahr 1959, und dass die Auswirkungen der Apartheid alle betreffen, nicht nur jene, die darunter leiden, denn auch mit den Weißen passiert etwas: Sie verrohen, "das Herz verhärtet“.

Erlebte Zeiten / Bewegte Zeiten

Erzählungen 1952-2007, Leben und Schreiben 1954-2008. Von Nadine Gordimer Berlin Verlag 2013. 1120 Seiten, geb., e 80,20

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