7062287-1991_41_10.jpg
Digital In Arbeit

Nur der Wahrheit verpflichtet

In Südafrika haben viele Künstler mit Musik, Bildern, Skulpturen und Literatur der Extremsituation Ausdruck verliehen. Äußere Unterschiede von Menschen wurden als Legitimation eines politischen Systems genommen, um mit Äußerlichkeiten gewaltige soziale Konflikte zu überdecken. Eine der unermüdlichen Kämpferinnen für ein anderes Südafrika ist Nadine Gordimer, die soeben mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde.

In dem Roman „Burgers Tochter" verstand sie, die kommende Haltung der Schwarzen zu charakterisieren, nachdem die Weißen nicht bereit waren zu reagieren: „Auf die Dauer werdet ihr Weißen überhaupt nicht gefragt. Ihr Liberalen genausowenig wie die Regierung - ihr Weißen, was auch immer ihr seid - es kommt nicht' mehr auf euch an. Ihr könnt euch nennen, wie ihr wollt - Afrikaaner, Liberale, Kommunisten. Das macht einfach keinen Unterschied mehr. Wir nehmen künftig keine Almosen mehr. Wie nehmen einfach." Nadine Gordimer gab nicht nur den enttäuschten Schwarzen eine Stimme, sondern drückte auch eine der Urängste weißer Südafrikaner aus: Nicht mehr gebraucht zu werden. Im Land haben sich Verhältnisse entwickelt, die einen sinnvollen Beitrag Weißer nicht wünschenswert erscheinen lassen.

Der Roman ,3urgers Tochter", 1979 in Südafrika erschienen, geriet in den Kulturkampf, der zwischen den einzelnen Fraktionen weißer Bewohner geführt wurde. Erst wurde das Buch verboten, doch nach einigen Monaten wurde das Verbot aufgehoben. Es wurde ihm von der Behörde „erheblicher literarischer Wert" und eine „beschränkte Leserschaft" zugestanden. Da mag sich das offizielle Südafrika durchaus einmal mit der Ansicht Gor-dimers getroffen haben, die festgestellt hatte: Der Schriftsteller „beeinflußt vielleicht jene, die bereits aus dem Machttraum erwachen, und jene, die Mut fassen, wenn sie ihre eigene unterdrückte Auflehnung in Büchern wiederfinden" (aus: „Leben im Interregnum").

In diesem Essayband hat Gordimer die Trennung zwischen Weiß und Schwarz mit den Worten eingefangen, die den kulturellen Unterschied in der Lebenssituation betreffen: „Ich bezweifle, daß der weiße Schriftsteller, selbst wenn er Themen wie Schwarze wählt, von großem gesellschaftlichen Nutzen für die Ermutigung der Schwarzen ist, oder überhaupt sein muß. Dem weißen Schriftsteller fehlt die wichtigste Voraussetzung für die Anerkennung durch die Allgemeinheit der Schwarzen: er lebt nicht mit ihnen im Ghetto."

Nadine Goraimer wurde am 20. November 1923 in dem Minenstädtchen Springs in Transvaal als Tochter jüdischer Einwanderer - der Vater aus Litauen, die Mutter aus England -geboren. Noch 1968 sagte sie: „Von Natur aus bin ich kein politisch eingestellter Mensch. Ich nehme nicht an, daß mein Schreiben, hätte ich woanders gelebt, politische Angelegenheiten groß einbezogen haben würde -wenn überhaupt." Mit 25 Jahren erlebte sie 1948 den Sieg der Nasiona-len Partei (NP), damit den Sieg der Apartheidideologie auf politischer Ebene und das unermeßliche Leid, das auf Menschen zukam, weil plötzlich Mischehen illegal waren, und Menschen entweder einer Bevölkerungsgruppe zugeordnet wurden oder selbst entschieden, zu welcher sie gehören wollten.

Nadine Gordimer hat mit ihrer Behauptung, „Der Schriftsteller kann als Schrifsteller nichts anderes tun, als unbeirrt die Wahrheit zu schreiben, wie er sie sieht", nicht nur sich selbst zur absoluten Wahrhaftigkeit verpflichtet, sondern auch allen, die sie politisch für sich reklamieren wollten, eine klare Abfuhr erteilt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau