Von den vielen Grautönen der Seele

Alvis Hermanis inszeniert Arthur Schnitzlers Tragikomödie "Das weite Land“ am Wiener Burgtheater durchaus überzeugend ganz im Stile des Film noir.

Das weite Land ist ganz in Grau getaucht. Die Bühne, die der lettische Regisseur Alvis Hermanis für seine Inszenierung von Arthur Schnitzlers Stück am Burgtheater ersonnen hat, zeigt die ganz in Grautönen gehaltenen Gesellschaftsräume der Villa Hofreiter in Baden, deren Fenster nach außen stets durch Jalousien und wehende Vorhänge verhangen sind, oder (wie im dritten Akt) die Empfangshalle des Hotels Völser Weiher. Diese farblosen, düsteren Räume mit dem verstellten Blick ins Freie vermitteln einerseits das Gefangen-Sein der Figuren in den inneren Konventionen der Gesellschaft, und andererseits erscheint durch sie das Geschehen als nicht nur der Realität verpflichtet, sondern ebenso dem Traum, was sie gleichzeitig auch noch als Kommentar des Inneren der Figuren lesbar macht.

Scharfe Schattenlinien

Die an die 40er Jahre erinnernden Kostüme von Eva Dessecker sind ebenso grau: Die Männer tragen dunkle, feine Anzüge unter den wallenden Mänteln und Hüten, deren Krempen auf den Gesichtern eine scharfe Schattenlinie zeichnen. Sogar das ewig lauschende Stubenmädchen im Haus Hofreiter hat hier aschgraues Haar, während die anderen Frauenfiguren - mit einer Ausnahme - durchwegs brünett oder schwarz sind. Nur gerade Genia (Dörte Lyssewski) sticht mit ihrer topasblonden Mähne heraus und erinnert, sicher gewollt, an Barbara Stanwyck, eine Ikone des Film noir. Denn wie die Kleidung, die Interieurs, die Beleuchtung mit einer virtuosen Dramaturgie von Licht und Schatten (Friedrich Rom) und das durch melodramatische Musik begleitete Spiel erinnert hier alles an die Atmosphäre des Film noir. Alvis Hermanis hat dem Stück - das fast auf den Tag genau vor hundert Jahren gleich an neun deutschsprachigen Theatern uraufgeführte wurde - mit der Verbindung zu diesem Film-Genre ein überaus interessantes Konzept übergestülpt. Dass er das nicht nur äußerlich-ästhetisch, das heißt im Stil der Bildkompositionen, sondern auch im Motivischen und Thematischen in gemächlichem Rhythmus über vier Stunden konsequent durchhält, macht diese Inszenierung zu einer anstrengenden Lektüre, der viele Zuschauer bei der Premiere nicht Folge leisten mochten, was vielleicht die vielen Buhrufe erklärt. Trotzdem verträgt Schnitzlers Stück, in dem das brüchige Verhältnis des noch immer jugendlichen, notorisch ehebrecherischen Fabrikanten Friedrich Hofreiter (Peter Simonischek) zu seiner um einige Jahre jüngeren Frau Genia im Zentrum steht, einen solchen Zugriff durchaus.

Die Welt, in die das Stück eingebettet ist, ist von sozialen Krisen gezeichnet. Das Wertesystem, insbesondere die Institution der Ehe und das Konzept der Treue, stehen infrage, es herrscht eine Ambivalenz zwischen Sein und Schein sowie das Gefühl der Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns. Vor allem die Männer sind desillusionierte Anti-Helden, allen voran Hofreiter, der dem Reiz der Frauen, den Verlockungen der Großstadt nur allzu gerne nachgibt. Trotzdem ist er unfähig zu lieben, ist ihm das Gefühl nur eine flüchtige Erscheinung. In der Liebe wie im Beruf hält er rücksichtslos daran fest, jeweils sein eigenes Begehren durchzusetzen.

Existenzielle Ausweglosigkeit

Aber auch die Frauen sind von der Dominanz des Schicksalhaften gefangen, glauben nicht daran, den Ausgang ihrer Geschichte selbst bestimmen zu können oder der Welt zu entkommen. Vor allem Genia ist bei Hermanis, mehr noch als bei Schnitzler, eine nicht so eindeutig tugendhafte Frau, sondern vielmehr eine undurchsichtige femme fatale, deren Selbstbild und scheinbare Passivität jene Ambiguität der Situationen hervorruft, wie sie der Film noir kennzeichnet. Keine der Figuren kann sich dem verhängnisvollen Spiel von Begehren und Betrug entziehen. Genau diese existenzielle Ausweglosigkeit hat Hermanis bei Schnitzler herausgelesen und in einer spannenden konzeptuellen und nicht zuletzt visuellen Entsprechung auf die Bühne gebracht.

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