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Feuilleton

Voss & Kirchner voll in der Watte

1945 1960 1980 2000 2020

Zwei großartige Hauptdarsteller sind zuwenig, es würde auch ein Regisseur gebraucht: "Die Zofen" im Akademietheater.

1945 1960 1980 2000 2020

Zwei großartige Hauptdarsteller sind zuwenig, es würde auch ein Regisseur gebraucht: "Die Zofen" im Akademietheater.

Schauspieler, die ihre Aufführungen selber "erarbeiten", die keinen Regisseur brauchen: Bei diesem Unterfangen entsteht oft etwas sehr produktives. Man weiß nachher wenigstens wieder einmal, wozu Regisseure gut sind. Warum es ohne sie nicht geht. "Die Zofen" von Jean Genet, gespielt von Gert Voss und Ignaz Kirchner in Frauenkleidern: Ein Risiko, gewiß, doch mit einer entsprechenden Regie hätte dabei etwas Großartiges herauskommen können.

Im Akademietheater freilich fragt man sich ratlos: Hat dieses Stück 1947 in Paris wirklich Proteste und Empörung ausgelöst? Warum denn bloß? Geht es darin wirklich um die Faszination des Verbrechens, um die von Genet mystisch überhöhte erotische Anziehung, die von Verbrechern ausgeht? Davon ist wirklich nichts zu spüren. Voss und Kirchner spielen zwei Dienstmädchen, Schwestern, die in ihre Rollenspiele verliebt sind, doch wirklich gefährlich wirken diese ihre Spiele nicht. Die größte Gefahr: Madame könnte sie erwischen, wie sie ihre Kleider, Schmuckstücke und Schaumbäder ausprobieren. Bei Genet ist denn die eine am Ende auch wirklich mausetot, während sie in der Aufführung des Akademietheaters alsbald wieder listig ihre Äuglein öffnet: Das spielen wir alle Tage!

Natürlich sind Gert Voss und Ignaz Kirchner zwei großartige Schauspieler. Selbstverständlich quetschen sie aus den "Zofen" alles, was an Unterhaltungswert drinsteckt, wenn Männer die Claire und die Solange spielen. Klar ist auch, daß zwei Könner dieser Kategorie nicht in den Klamauk abrutschen. "Charleys Tante" hat also keine Chance, grüßt höchstens einmal Sekundenbruchteile lang von ganz, ganz ferne herüber. Der "Käfig voller Narren" allerdings grüßt von weniger ferne. Das Gefährliche, das Tödliche des Spiels lassen die beiden Stars durchscheinen. Und damit genau das, worum es Genet in diesem Stück ging. Aber es scheint viel zu wenig davon durch.

Ein Regisseur, der sein Handwerk versteht, hätte wohl bald nach Probenbeginn erkannt, auf welchen Watteberg von Harmlosigkeit die Produktion zuzusteuern drohte. Er hätte nachgedacht, was dagegen zu tun sei. Wahrscheinlich wäre ihm spätestens jetzt gedämmert, daß die Besetzung dieser Frauenrollen mit Männern doch zu mehr gut sein könnte als zur Erzeugung von Unterhaltungswert und dazu, daß Gert Voss und Ignaz Kirchner einmal zeigen dürfen, daß sie auch Frauen spielen können, ohne peinlich zu wirken. Er hätte dann wahrscheinlich die Chance der Gefährlichkeit im bizarren Geschlechtertausch erkannt. Und ohne Verzicht auf die sich anbietende Komik mit mehr Biß auf die Unterdrückungs- und Unterwerfungsrituale gesetzt und die bei Genet stets vorhandene latente Gewalt stärker herausgearbeitet.

Voss und Kirchner plumpsen, geschubst auch von Regiehelferin Ursula Voss, voll in die Watte. Sie raufen mit der Damengarderobe, daß es eine Freude ist, zeigen diskret dann und wann ein Stück Fleisch, Voss platscht auch ziemlich oft in die Wanne, in der freilich nur Watte ist, und wenn er seinen breiten Mund noch breiter macht, ist er sehr komisch.

Daß wir es nicht vergessen: Kirsten Dene spielt auch mit, und zwar mit dem Mut zur Häßlichkeit, sie ist die großzügige Madame, mit der es sich gut auskommen ließe. Sie tritt im richtigen Moment auf, denn das Repertoire an Gesten ist ausgespielt, der Plumps in die Badewanne ausgereizt und die Aufführung beginnt sich schon etwas zu ziehen, so kurz sie ist. Nach dem "Letzten Band" von Beckett in der "Josefstadt" und diesen "Zofen" sollte sich Gert Voss keiner weiteren Zofe oder Wurze, sondern wieder einem Regisseur in die Arme werfen.