Wie der Kern der Zwiebel

Henrik Ibsens 1867 nicht unbedingt für eine Aufführung gedachtes dramatisches Gedicht "Peer Gynt“ ist zweifellos sein umstrittenstes Werk. Schon bei der Premiere (erst 1876) reichten die Reaktionen von frenetischem Beifall bis zu unverhohlen scharfer Ablehnung. Zu wenig fügten sich die vielen Szenen zu einem wirklichen Handlungsverlauf, lautete einer der Vorwürfe.

Auch in der von Irina Brook erarbeiteten und auf der Perner-Insel in Hallein inszenierten Fassung ergibt die lose Szenenfolge kaum ein Ganzes. Sie hat Ibsens Mammutwerk zeitdiagnostisch modernisiert und drastisch gekürzt, was legitim und notwendig ist. Über immer noch dreieinhalb Stunden variiert sie (oder besser wiederholt sie) die immer gleiche Grundsituation: die Suche des Titelhelden Peer Gynt nach dem eigenen Selbst. Und dieses imperativische "Sei du selbst“, das Peer so quält, reduziert Brook auf das Sehnen die eigene enge, unbedeutende Welt hinter sich zu lassen und ein Superstar, genauer ein Rockstar zu werden.

Unglaubwürdiger Titelheld

So wird aus Ibsens Peer der egoistische, selbstverliebte aber stets suchende Rockstar P. G., dem der amerikanische Rocksänger Iggy Pop eigens zwei Lieder komponiert und der amerikanische Dramatiker Sam Shepard zwölf Gedichte geschrieben hat, die der sichtlich und hörbar überforderte isländische Schauspieler Ingvar E. Sigurdsson zu rockigen Gitarrenklängen zum Besten geben darf. Ihm, der die zentrale Figur des Stückes ist, glaubt man weder die Verzweiflung noch die Entwicklung und schon gar nicht die für Ibsen so zentrale Reue am Ende.

Brooks Inszenierung hat die Struktur des Musicals übernommen, und - man muss es leider so sagen - es sind auch die Untiefen des Musicals diesem Abend nicht fremd. Nicht nur ist der Gehalt des Stückes gering, auch die Akteure aus dem multikulturellen Ensemble der in Paris beheimateten Compagnie Irina Brook sind als Musiker recht mäßige Schauspieler und umgekehrt. Und das gibt dem Abend, gemessen an der Erwartungshaltung, etwas erschreckend Amateurhaftes. Der Löwenanteil am grandiosen Misslingen aber muss der Regie angelastet werden. In dem riesigen, fast leeren Raum wirken die Figuren verloren, was nicht unbedingt schade ist, handelt es sich doch bei ihnen meistens um biedere, ärgerliche Klischees. Brook führt die Schauspieler kaum, und es gelingt ihr auch nicht, Bilder für die fantastische Geschichte von Peers Reise um die Welt finden. Man muss lange zurückdenken, um sich bei den Salzburger Festspielen an eine so schwache Produktion zu erinnern.

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