Die letzten Tage des Jungle

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In Calais steht das Ende des bekannten Flüchtlings-Camps "Jungle" unmittelbar bevor. Ein Lokal-Augenschein im Land der Ungewissheit.

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In Calais steht das Ende des bekannten Flüchtlings-Camps "Jungle" unmittelbar bevor. Ein Lokal-Augenschein im Land der Ungewissheit.

Eine seltsame Stille liegt über den Dünen. Weniger Generatoren als üblich rattern, kein Geruch von Hühnchen und Curry hängt in der Luft, einige der selbstgezimmerten Restaurants sind bereits geschlossen. Es ist diesig. Der Abend hängt voller Tröpfchen, und voller Fragezeichen. Jungle finished, diese beiden Worte hört man allenthalben. Nur: wann? Und was tun?

Ein Sudanese sagt, er werde wohl in eines der Aufnahmezentren gehen, auf die die Regierung fast 10.000 Menschen aus dem Jungle verteilen will. Vielleicht wird er einen Asylantrag stellen, weg jedenfalls erstmal von der Kälte und Feuchtigkeit des Kanals, dessen Überquerung nahezu unmöglich geworden ist. Vor einem Bretterverschlag stehen zwei junge Afghanen in der Dämmerung. Eine Ahnung, wann die Bagger kommen, haben sie auch nicht. Ihr Ziel bleibt das gleiche und hat Buchstaben: "UK." Die Unsicherheit ist allgegenwärtig in diesen Tagen in Calais. Mit Spannung wurde Ende letzter Woche das Urteil des Verwaltungsgerichts Lille erwartet. Ein Eil-Antrag von Hilfsorganisationen soll die Räumung des inoffiziellen Flüchtlingscamps in letzter Minute verhindern, weil sie Grundrechte der Bewohner verletze und zuerst das Schicksal von rund 1200 Minderjährigen im Jungle geklärt werden müsse. Das Gericht vertagte die Entscheidung auf diese Woche.

Unterstützer aus England

Draußen im Jungle sieht es derweil nach dem üblichen Wochenend-Betrieb aus. Zahlreiche Unterstützer sind aus England herübergekommen. An jeder Ecke parken Autos mit GB-Kennzeichen, und dazwischen haben mobile Küchen und Erste-Hilfe- Stationen Stellung bezogen. Die Jungle-Bewohner stehen in Schlangen davor, andere haben sich um provisorische Tische mit Brettspielen geschart. Jemand spielt Gitarre. Es ist einer dieser Momente, die die harten Kanten der Jungle-Realität ein wenig abschleifen.

Wer näher hinsieht, dem fallen freilich die Helfer auf, die mit ihren Listen überall herumlaufen, um die Minderjährigen zu registrieren. Ihr Schicksal ist zu einem heiklen Thema geworden zwischen Frankreich und Großbritannien. Eine Lösung muss her, bevor der Jungle planiert wird. Kinder und Jugendliche mit Verwandten drüben haben Chancen, nach England zu gelangen. Das hat auch ein Eritreer mittleren Alters gehört, der aufgeregt mit einem 16jährigen Mädchen durch das Camp läuft. "Sie hat einen Onkel in England", sagt der Mann. "Gibt es jemanden, der ihr helfen kann?"

Orsane Broisin kann das. Gemeinsam mit etwa 40 Kollegen ist die Anwältin, Mitbegründerin der "Legal Shelter"- Rechtsberatung im Jungle, schon seit dem Morgen unterwegs. Sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Refugees Lawyer" und verteilen zwei Informations-Blätter: eines für Menschen, die in einem Aufnahmezentrum landen, das andere für jene, die bei der Räumung verhaftet werden. "Daneben sind wir vor allem mit Minderjährigen beschäftigt, und Familienzusammenführung in Großbritannien", sagt Orsane Broisin, nachdem sie dem Eritreer geraten hat, das Mädchen am Montag zur Sprechstunde zu bringen.

Einer, der nun auf legalem Weg nach England gelangen wird, ist der Afghane Milah Ahmad, der mit einem Bekannten am Nachbartisch sitzt. Dass er einen Onkel in London hat, wusste er. Was diese Tatsache bedeutet, fand er erst nach vier Monaten heraus, in denen er "jede Nacht" vergeblich versuchte, auf die andere Seite des Kanals zu kommen. "Der Tunnel, Parkplätze, Tankstellen, ich habe alles probiert", erzählt der 16-Jährige. Zwei Monate dauerte die gerichtliche Prozedur. Zur Zeit ist sein Anwalt dabei, sein Ticket zu organisieren. Seine Freunde im Jungle, erzählt er, versuchen dagegen weiterhin auf anderem Weg ihr Ziel zu erreichen.

Wann werden sie kommen?

In einem weiteren Restaurant in der Nähe hat sich der Inhaber gerade selber mit seinen Mitarbeitern hinter dem Tresen zum Essen niedergelassen. Der Mann, der sich als Abdallah vorstellt, kennt die Funktion der Jungle-Restaurants: sie sind nicht nur kulinarisch lebenswichtig, sondern auch soziale Einrichtungen. Und als solche natürlich ein Indikator für den Stand der Dinge. Wenn nun, wie vor einigen Tagen geschehen, das oberste Verwaltungsgericht Frankreichs beschließt, dass diese als brandgefährliche und unhygienische Sicherheitsrisiken geschlossen werden müssen, steht das Ende zweifellos vor der Tür.

Wie es weitergeht? Der Restaurant-Inhaber ist hin- und hergerissen. Mal tut er die Räumung als "Bla-Bla" ab, dann fragt er unvermittelt: "Was glaubst du, wann werden sie kommen?" Nur um wenig später die Hoffnung wieder zu entdecken, zwischen zwei Bissen sozusagen. "Dann werde ich es halt von anderswo probieren. Es gibt doch so viele Häfen nach England! Nicht nur in Frankreich." Darüber allerdings sind sich auch die Nachbarländer im Klaren. Und wie schon im Februar, als in Calais der erste Teil des Jungle abgerissen wurde, wird Belgien nach dem Wochenende wieder Kontrollen an der Grenze zu Frankreich einführen.

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